Mit Wolfgang Sahm verlässt der letzte des langjährigen Dreiergestirns die ASS

Beruf als Berufung

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Ein sehr beliebter Lehrer bei Schülern, Eltern und Kollegen: Wolfgang Sahm war 28 Jahre Förderstufenleiter.

Groß-Zimmern (guf) ‐ Der Babenhäuser Wolfgang Sahm (60) ist mit Gersprenzwasser getauft. In seinem Heimatort hat er 1969 das Abitur gemacht und „Auf den Tag genau vor 41 Jahren kam ich zum Bund“, erinnert er sich am Donnerstag bei seiner Verabschiedung an der Albert-Schweitzer-Schule (ASS).

Eigentlich wollte er Psychologie studieren, „einen Platz in Bochum hatte ich, aber das war finanziell nicht machbar“. Also studierte er zunächst ein Semester Betriebswirtschaft, um dann das Lehrerstudium (Pädagogik und Psychologie) zu entdecken. Sahm, ein absoluter Verfechter der Gesamtschule, studierte Deutsch und Sozialkunde für die Förderstufe. Die soziale Gerechtigkeit ist ihm sehr wichtig und „kein Kind kommt hier unbegabter raus als es herkam“, verteidigt er die Förderstufe.

Nach dem Staatsexamen 1975 begann sein Referendariat an der Dieburger Goetheschule. „Natürlich mit einer sechsten Klasse“. Zwei Hufeisen haben ihm die Schüler zur Prüfung geschenkt, „die habe ich bis heute immer dabei.“ Als Abordnung in Groß-Zimmern waren die Fächer nicht passend, Konrektor Werner Daub meinte: „Wenn Sie Deutsch gemacht haben, können Sie auch Englisch.“ Seit 1980 ist er Beamter, und seit 1982 Förderstufenleiter.

Sahm wohnt in Harpertshausen mit Ehefrau Gülsen. Die Betriebsratsvorsitzende bei Continental hat sein Engagement mit getragen. Er gehört seit 1974 der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft an.

An sechszügige Förderstufenjahrgänge mit bis zu 360 Kindern erinnert er sich. Die ASS besuchten bis zu 1 150 Schüler, über 3 000 dürfte er unterrichtet haben. Zusammen mit Hans Wichmann und Dieter Rexroth bildete er ein Vierteljahrhundert das Dreiergestirn des Schulleiterteams.

„In der Förderstufe ist die Altersstruktur besonders spannend“, meint der beliebte Pauker, für den „soziales Gewissen“ große Bedeutung hat, der seinen Beruf als Berufung und sich als „Anwalt der Kinder“ sieht. In diesem Alter hole man die Kinder von Grundschule ab. Viele Benachteiligte fanden durch die Vaterqualitäten des kinderlosen Lehrers Halt. Als die ersten Boatpeople nach Zimmern kamen, setzte er sich für deren Integration ein und übte in den Klassen die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.

„Kinder dürfen Fehler machen, aber sie brauchen klare Grenzen. Man muss ihnen immer wieder die Hand ausstrecken und darf nichts verlangen, was man nicht selber kann“, beschreibt er die Mischung aus Respekt und Nähe. „Ich habe jeden mit seinen Schwächen und Stärken akzeptiert.“ Dass die Kinder heute anders sind, sei als „Spiegelbild der Gesellschaft“, klar. Aber auch für die Zappeligen unter ihnen „stand ich immer vorne und war einfach nicht wegzuzappen.“

Der Abschied fällt Sahm schwer, zumal er sehr viel Zuspruch von Schülern, Eltern und Kollegen erhielt. Er lobt das faire Klima in Leitungsteam. Inzwischen hat er das erste Enkelkind einer Schülerin im Unterricht: „Jetzt ist es Zeit aufzuhören“, meint er.

Als „Phänomenal“ bezeichnet Sahm den Zuspruch, den er erhielt, als er 2006 an Krebse erkrankte. „Ich hätte damals aufhören können, aber da war es mir sehr wichtig, weiter zu machen“. Während dieser Zeit habe ihm die Schule nicht nur gefehlt. Er ist überzeugt, dass der Kontakt und das Unterrichten wesentlich zu seiner Genesung beigetragen haben.

Wolfgang Sahm hat keine Angst vor einem tiefen Loch. Er will sein Gärtchen pflegen, viel lesen, sich den Fotos und dem Tischtennisverein widmen und Reisen.

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