„Ich weiß jetzt, wen ich wähle“

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Sechs Bürgermeisterkandidaten auf dem Podium mit LA-Redakteurin Gudrun Fritsch. Von links: Janek Gola (AUF), Ralf Oesswein (parteilos), Marianne Streicher-Eickhoff (Grüne), Stefan Fröhlich (SPD), Peter Urban (FW) und Bürgermeister Achim Grimm (CDU).

Groß-Zimmern ‐ Sechs Bewerber – ein Job. Sechs Visionen – eine Herausforderung. Wer wird Chef im Zimmerner Rathaus? Wenige Tage vor der Wahl warben sechs Bürgermeisterkandidaten bei der Podiumsdiskussion des Lokal-Anzeigers am Dienstag um die Gunst der Wähler. Von Ursula Friedrich

Zu Gast: Bürgermeister Achim Grimm (CDU), der sein Amt behalten will, Stefan Fröhlich (SPD), der ebenfalls ins Rathaus einziehen möchte, ebenso Peter Urban (Freie Wähler), Mitkonkurrent Janek Gola (Auf-Partei) und der parteilose Ralf Oesswein. Als einzige Frau zieht Marianne Streicher-Eickhoff (Bündnis 90/Die Grünen) ins Rennen um den Chefsessel im Rathaus. Wer wird mit Persönlichkeit, Sachverstand und Qualitäten beim Wählen punkten? Mit welchem Rezept wollen die Kandidaten die immer drastischer voranschreitende Krankheit, das wachsende Defizit im Gemeindesäckel, kurieren? Gudrun Fritsch, Redakteurin des Lokal-Anzeigers und Moderatorin des Abends, fühlte den Kandidaten auf den Zahn.

Im dicht gefüllten Saal der Albert-Schweitzer-Schulturnhalle saß die Jury – gut 300 erwartungsvolle, durchaus kritische Bürger. Mit gastronomischem Engagement und Livemusik umsorgten Schüler und Eltern der Gesamtschule die vielen Zuhörer, die sich starke Eindrücke erhofften, um ihr Kreuzchen am Sonntag, 27. März, auf dem Wahlzettel zu machen.

„Ich habe eine Tendenz – mal sehen, ob die sich bestätigt“, so Pfarrer Michael Fornoff erwartungsvoll. „Ich sehe Groß-Zimmern gar nicht vor lauter Plakatständern“, witzelte Jugendpfleger Tom Hicking, der zusammen mit Hans Peter Wejwoda die politische Veranstaltung durch erfrischende Lokalsatire würzte. Das ulkende Duo sprach vielen aus dem Herzen.

„Diese Veranstaltung ist besser als schöne Bilder“

Rund 300 Zuschauer besuchten doie Podiumsdiskussion des Lokal-Anzeigers.

„Alles voller Wahlwerbung, das ist doch raus geschmissenes Geld“, fand Heinrich Hack. „Diese Veranstaltung ist besser als schöne Bilder.“ Ungeschminkte Wahrheiten, statt retuschierter Plakate, dies forderten viele Bürger ein. „2014 könnte das Defizit in der Gemeindekasse auf elf Millionen Euro angewachsen sein. Wie wollen Sie die wirtschaftliche Lage verbessern?“, insistierte Moderatorin Fritsch und sprach damit die Sorgen vieler Bürger an. Schließlich droht die Pro-Kopf-Verschuldung der Gemeinde in wenigen Jahren von 350 auf 900 Euro anzusteigen.
Amtsinhaber Grimm will „im eigenen Haus sozialverträglich sparen“, die grüne Kandidatin primär „die Einnahmeseite verbessern“. Gola setzt auf „rigorosen Sparkurs“, Urban will alle an einen Tisch holen, Oesswein das Gemeindeparlament überzeugen, auf Sitzungsgelder zu verzichten. Auf die interkommunale Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen setzt Fröhlich. Einig waren sich alle, nicht an der Gebührenschraube drehen zu wollen, um den Bürgern höhere Belastungen zu ersparen. Die Zuhörerschar blieb kritisch.

Im Haushalt seien bereits jetzt die Finanzen zu über 90 Prozent gebunden, so Thomas Beutel aus dem Publikum. „Wo sehen Sie da freie Gelder?“, fragte er die Kandidaten. Karl-Heinz Müller stieß ins gleiche Horn: „Es werden immer nur Geschenke verteilt“, meinte er skeptisch – doch würde der Haushaltskarren ohne höhere Belastungen für die Bürger aus dem Schuldensumpf zu manövrieren sein?

Fairer Umgang unter den Kandidaten

Viele Fragen stellten auch einige junge Teilnehmer aus dem Publikum.

Die Kandidaten boten Lösungsvorschläge: „Effizienzmanagement“, so das Schlagwort Oessweins, der in „Gemeindeprozessen sparen“ will. „Wir müssen raus aus dem Drehrad öffentlicher Dienst: Oft sind örtliche Handwerker günstiger als der eigene Bauhof“, so Gola. Auch SPD-Mann Fröhlich setzt auf ein klares Personalkonzept und will mit Automaten – etwa im Hallenbad – Personalkosten drosseln. Den Weg vom öffentlichen Dienst ins Privatrecht will Urban einschlagen, Grimm einen „gesunden Mittelweg und sozialverträgliche Sparkurse“ finden: „Aber man kann sich auch tot sparen – wir müssen unsere Einnahmeseite verbessern.“ „Effizienz“, heißt das Lösungswort der grünen Kandidatin, die ebenfalls interkommunale Zusammenarbeit anregen will – in Abstimmung mit den Verwaltungsmitarbeitern.
Trotz mancher Seitenhiebe blieb die Diskussion sachlich. „Die Kandidaten haben einen fairen Umgang miteinander“, lobte Zuhörerin Astrid Geiß. Die angedrohte rote Karte für überzogene Redebeiträge musste Moderatorin Fritsch nicht ausspielen – Grimm zog sich jedoch einige Verwarnungen zu. Wenngleich mit einigen schwammigen Aussagen, bemühte sich das untereinander konkurrierende Sextett doch um eine nachhaltige Vorstellung in der Bewerberrunde.

Wird Urban als künftiger „Manager eines mittelständigen Unternehmens“ die Verwaltung leiten? Streicher Eickhoff „die dreifache Aufgabe Verwaltung, Politikmanagement und Repräsentation“ stemmen? Oesswein das Bürgermeisteramt nicht als „Beruf, sondern Berufung“ ausfüllen? Gola das Rathaus zum Dienstleistungsunternehmen umstrukturieren? Oder Amtsinhaber Grimm das Schiff weiterhin als Kapitän durch die Wogen manövrieren? Fröhlich schloss: „Hier kommt es nicht auf die Ideologie an, sondern darauf, was für ein Mensch man ist.“

„Orgelwein“ und Lachsack für die Kandidaten

„Und wen von den anderen auf dem Podium würden Sie selbst wählen, wenn Sie nicht in die Stichwahl kämen?“, stellte Fritsch die ultimative Abschlussfrage. „Ich geh' davon aus, dass es keine Stichwahl gibt“, meinte Grimm und musste selbst am meisten drüber schmunzeln.

„Ich weiß jetzt, was ich wähle“, sagte eine Groß-Zimmernerin beim Verlassen der Veranstaltung zufrieden. Ob Bürgermeister oder Verlierer – für alle sechs Kandidaten gab es zum Abschluss „Orgelwein“ und einen Lachsack. Ein Trösterli, sollte der Wahlabend zur Wahlschlappe werden.

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