Betreuung als Standortfaktor

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Schreiner, Maler, Verputzer und Elektriker arbeiten derzeit im Schulterschluss, um den Umbau des kommunalen Jugendzentrums Am Festplatz in ein Familienzentrum planmäßig fertig zustellen. Der Innenausbau des aufgesattelten Stockwerks und die Fassadenarbeiten laufen parallel. Im unteren Geschoss des Groß-Zimmerner Jugendzentrums kann es derweil wie gewohnt weiter gehen. Die Räume sind seit Anfang der Woche wieder für den Publikumsverkehr geöffnet.

Groß-Zimmern (ula) ‐ Um Job und Familie zu vereinbaren, sind Eltern auf ein gutes Betreuungssystem angewiesen. Ob Krippenplatz für Pampersträger oder Nachmittagsangebot für ABC-Schützen: im kommunalen Angebot klafft hier noch ein ordentliches Loch.

In der Betreuungskonferenz, einer Initiative die Vertreter aus Vereinen, Schulen, Kindergärten, anderer Institutionen sowie engagierte Bürger an einen Tisch bringt, wurden Defizite aufgespürt und der Bedarf an Betreuungsplätzen analysiert. Ziel bei der Konferenz unter Federführung der kommunalen Kinder- und Jugendförderung ist die Einrichtung eines Netzwerks, um das Angebot lückenlos ab Kleinkindalter zu verbessern.

In vier kommunalen, einem privaten und zwei konfessionellen Kindergärten werden zur Zeit 478 Plätze geboten. Durch Integrationsmaßnahmen reduziert sich das Angebot auf 446 Plätze. Derzeit leben 633 Kinder zwischen drei und sieben Jahren in Zimmern. Der Bedarf liegt laut Arbeitsgruppe bei 553 Betreuungsplätzen. Aufgrund der unterschiedlichen Öffnungszeiten gibt es lediglich 60 Ganztagsplätze, die wochentags eine Betreuung von 7 bis 16 Uhr garantieren. Hier liege der Bedarf aktuell bei 150 Plätzen. Für Kleinkinder unter drei Jahren stehen zur Zeit 36 Plätze zur Verfügung. Im Grundschulbereich bietet die Elterninitiative Pfiffikus in Kooperation mit dem ASB an drei Standorten für 117 Kinder eine außerschulische Betreuung. Die Schule im Angelgarten hat bei der pädagogischen Mittagsbetreuung nur Platz für 20 Schüler, benötigt wird jedoch mehr als doppelt so viel. Die Geißbergschule bietet mit engagiertem Kollegium und selbst organisierte Arbeitsgruppen außerschulische Betreuung. Die „Familienfreundliche Schule“ an der Albert-Schweitzer-Schule ist komplett ausgebucht. 55 Kinder nutzen derzeit das Angebot, das bis 15.30 Uhr geht. Es existiert eine Warteliste, auf der rund zwei Dutzend Schüler stehen. Auch die neue Mensa mit 100 Plätzen ist bereits vollkommen überlastet. Jüngste Schätzungen ergaben einen Bedarf von 150 Essen täglich.

Auf Basis des in drei Arbeitgruppen erstellten Datenwerks erarbeitet Jugendpfleger Tom Hicking nun zügig ein Gesamtkonzept, das als Arbeitsgrundlage an die politischen Gremien gehen soll. „Die anwesenden Politiker waren entsetzt und vom Handlungsbedarf überzeugt“, ließ Hicking die Stimmung bei der jüngsten Betreuungskonferenz Revue passieren. Er wünscht sich ein parteiübergreifendes konstruktives Vorgehen, um die Situation zu verbessern. Bürgermeister Achim Grimm hatte die Notwendigkeit eines Netzwerks vor Monaten erkannt und die Initialzündung für die Betreuungskonferenz geliefert.

Die Zeit drängt: Ab 2013 ist die Kommune verpflichtet, Betreuungsplätze für Kleinkinder unter drei Jahren (U 3) bereit zu stellen. Das Angebot von derzeit 36 Plätzen reicht bei weitem nicht aus. Auch die Ausdehnung des Angebots im Kinderladen Kinderfrei(t)räume dürfte diese Lücke kaum füllen.

Eine weitere Einrichtung muss her

DieU 3-Arbeitsgruppe kam in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass der Weg an einer weiteren Einrichtung nicht vorbeiführt. Die Aktiven regten außerdem ein Tagesmüttermodell an, das eine attraktive Betreuung bereits für die Kleinsten bieten soll.

Diese Thematik soll jedoch nicht isoliert betrachtet, sondern innerhalb eines Betreuungskonzeptes verankert werden, das eine Verzahnung des Angebots von der Krippe bis zur weiterführenden Schule beinhaltet. In den drei Arbeitsgruppen wurde außerdem die Einrichtung eines Koordinators angeregt.

Die quantitative und qualitative Verbesserung des Betreuungsangebots sollte dabei mehr als ein Servicepaket für berufstätige Eltern darstellen.

Auch karikative und therapeutische Ansätze spiegeln sich wider. Hintergrund: Steigende Armut ist auch ein Zimmerner Problem. Nicht in allen Familien ist beispielsweise ein gesundes Mittagessen selbstverständlich.

„Die Umwelt für Kinder ist schlechter geworden“

Da auch die Zahl verhaltensauffälliger Kinder wächst, könnten speziell fachlich geschulte Betreuer einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung Betroffener leisten. Insbesondere das nachschulische Angebot für Kinder gleiche oft einem Provisorium, so Hickings Fazit.

Aufgrund akuten Raummangels quetschten sich bis zu 50 Kinder in winzige Räume, ein Betreuungsschlüssel von 1:20 mache individuelles Arbeiten kaum möglich.

Eine traurige Bilanz: „Zeit und Umwelt für Kinder sind viel schlechter geworden, ein kinder- und familienfreundliches Klima gibt es nicht mehr.“ Umso mehr freut sich Hicking über die starke Resonanz engagierter Bürger, die mitarbeiten, die Situation zu verbessern. Jetzt sind die Politiker gefordert.

Wenn das Gesamtkonzept bis Ende des Jahres vorliegt, müsste daraus ein zukunftsträchtiges Modell gebaut werden, das die Zukunft von Kindern und Familien auf eine solide Basis stellt. „Sonst wandern die nämlich in andere Gemeinden ab. Betreuung ist der Standortfaktor der Zukunft“, betont Hicking.

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