Betriebsbesichtigung in Wirkwarenfabrik

Mit Stoff nicht nur Flagge zeigen

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Rollen, Rollen, Rollen: In den Lägern der Wirkwarenfabrik Georg und Otto Friedrich sahen die 40 Teilnehmer einer Betriebsbesichtigung am Freitag viele Kilometer Stoff.

Groß-Zimmern - Das Leitmotto des Aktionsbündels heißt „Ab in die Mitte“. Dort steht die Wirkwarenfabrik Georg und Otto Friedrich aber längst nicht mehr.

Selbst das Lager in der Alten Gartenstraße ist seit geraumer Zeit zu einem loftigen Wohnhaus geworden. Aber die Fabrik ziemlich am Ende der Waldstraße ist eines der letzten lebendigen Monumente des einst so vielseitigen Groß-Zimmerner Textilgewerbes. Dort trafen sich 40 Menschen zu einer Betriebsbesichtigung - und sahen sich dabei weniger „verstrickt mit der Vergangenheit“ konfrontiert - wie der Titel des Zimmerner Themenstrangs verheißt - sondern vielmehr mit einem hochmodernen Betrieb, der offensichtlich in manchen Bereichen Weltmarktführer ist.

Fäden, Fäden, Fäden: Fasziniert beobachteten die Besucher, wie hoch spezialisierte Maschinen in der voll klimatisierten Produktionshalle feinste Ausgangsmaterialien zu Textilien verketten.

Als „größten Betrieb in Groß-Zimmern“ pries Hans-Peter Wejwoda vom Verein Bel(i)ebt Groß-Zimmern, bei dem die Fäden „Ab in die Mitte“ zusammenlaufen, das Unternehmen an. Das stimmt wahrscheinlich weder nach Fläche noch nach Belegschaft, denn in beiden Kategorien hat der wenige hundert Meter entfernte Großmarkt wohl mehr zu bieten. Die Wirkwarenfabrik ist aber sicher der größte produzierende Betrieb in Groß-Zimmern und zur Freude des an der Besichtigung zugegenen Kämmerers Gernot Geiß auch der größte Gewerbesteuerzahler.

In der Halle, in der sich die Besucher zum Start versammeln, liegen palettenweise Stoffrollen für den Versand. Ein kurzer Blick auf die Adressen zeigt: Riyadh, die Hauptstadt von Saudi-Arabien, Helsinki, die Hauptstadt von Finnland, Orte in den USA und La Réunion, „die Trauminsel im indischen Ozean“. Auch die Volksrepublik China gehört zu den Kunden, erklärt Friedrich-Geschäftsführer Lothar Vorbeck später und fügt hinzu: „Die machen zwar Vieles nach, aber bisher nicht unsere Qualität.“ Der Weltmarktführer beschäftigt an zwei Standorten - der kleinere ist bei Chemnitz - knapp 100 Mitarbeiter, davon 75 in Zimmern. Eine Schicht in der großen Halle, in der sehr spezielle Maschinen viele, viele dünne Fäden zu einer Stoffbahn verketten (und nicht weben) umfasst gerade einmal neun Mitarbeiter, berichtet Vorbeck. So gesehen findet hier eine gewaltige Wertschöpfung statt.

Qualität kommt aus Deutschland

Die Produktionshalle ist klimatisiert, hier herrschen dauernd 23 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von über 60 Prozent, wobei es weniger um das Wohlbefinden der Arbeiter als um das der Fäden geht. Welcher Aufwand da getrieben worden ist, sieht man beim Blick auf die mächtige Klimazentrale und man erfährt aus Vorbecks Erklärung, dass unter der Halle große Kanäle verlaufen, weil kleine Rohre an den Einmündungen zu Luftverwirbelungen geführt hätten, die wiederum die sensiblen Fäden irritiert hätten.

Die Technik erläutert Mitarbeiter Philipp Seubert, und er macht dabei deutlich, dass es erhebliche Zeit kostet, einen gerissenen Faden zu

reparieren. Dass es läuft, möglichst gleichmäßig und möglichst schnell, ist ein „Geheimnis“ des Erfolgs, das an diesem Nachmittag offen kommuniziert wird. Die Maschinen kann nämlich jeder kaufen - wenn auch bisher nicht jeder bauen, denn da ist es wie mit dem Stoff: Qualität kommt aus Deutschland.

Es gibt noch ein zweites offenes Geheimnis, und das ist die ziemlich neue Garnlagerhalle. Vorbeck erklärt, dass von speziellen Garnen der Vorrat für eine ganze Jahresproduktion eingelagert werden muss, weil alles so speziell ist, dass „just in time“ hier nicht gilt. Später erklärt er im kleinen Geplauder, dass die Maschinen immer schneller werden und man immer mehr Fläche braucht, um sie am Laufen zu halten.

Das ist mit ein Grund, warum sich das Unternehmen seit Jahren um die Wiese auf der anderen Seite der Waldstraße bemüht hat - und jetzt Erfolg hatte. Mit Blick aus dem Fenster und in die Zukunft sagt Vorbeck, das da ein neues Auslieferungs-Lager hin soll, damit auf der jetzt damit belegten Fläche ein paar Maschinen mehr angesiedelt werden können.

Fahnenstoffe - längere Zeit sozusagen das Aushängeschild des Unternehmens - sind zwar auch noch im Sortiment, machen aber nur noch einen kleinen Teil des Produktspektrums aus, das inzwischen stärker diversifiziert ist und zunehmend spezialbeschichtete Textilien umfasst - zum Beispiel für den Digitaldruck oder den Dachhimmel von Autos. Dieses Spektrum hat Hendrik Igler aus der Entwicklungsabteilung erläutert.

Gleichwohl gehen die Teilnehmer mit dem Gefühl nach Hause: Mit diesem Unternehmen kann Groß-Zimmern weltweit Flagge zeigen.

(sr)

Ein Blick hinter die Kulissen einer Wirkwarenfabrik

Ein Blick hinter die Kulissen einer Wirkwarenfabrik

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