Cabaret Paris genießt Blues in allen Lebenslagen

Marx' Kapital als Rocksong

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Yvonne Vogel, Ausdrucksstark auch in Mimik und Gestik.

Groß-Zimmern - 20 Jahre Cabaret Paris, das ist nicht nur ein runder Geburtstag. Es sind auch 20 Gründe, den Blues zu kriegen. Von Ulrike Bernauer

Wer Yvonne Vogel kennt, konnte sich schon vorher ausmalen, dass der Blues im Fall der Frontfrau und Sängerin dieser vierköpfigen Truppe recht heftig ausfallen kann. Und so war es auch am Samstagabend im Glöckelchen. Vogel kostete den Welt-, Seelen- und Herzschmerz richtig aus. Gründe fand sie genug. Die Hitze war nur ein Thema - das beliebteste Accessoire der Damen im Publikum, von dem heftig Gebrauch gemacht wurde, war an diesem Abend der Fächer. „Wer hat das Mississippi-Delta-Krokodil-Wetter bestellt?“, fragte die Sängerin und orderte in einer Pause beim Musikerkollegen ein Tempo, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. So war auch nicht ganz klar, ob sie bei einem herzerweichenden Song tatsächlich Tränen vergoss oder ob die Tropfen auf ihren Wangen Schweißperlen waren.

Wurzeln des Blues in Amerika

Viel Selbstgeschriebenes brachte Vogel zu Gehör. Die deutschen oder französischen Chancons, die die Gruppe sonst gerne auf der Bühne zitiert, blieben weitestgehend außen vor. Schließlich hat der Blues seine Wurzeln nicht in Europa, sondern in Amerika. Das hieß nun aber nicht, dass die Zuschauer ausschließlich englische Texte hörten. Cabaret Paris, das sind neben Vogel auch Jochen Bernhardt (Akkordeon), Jens Horn (Gitarre) und Holger Fehr (Bass), wäre nicht Cabaret Paris, wenn nicht neben den gesungenen und gespielten Liedern auch viel erzählt würde. So freute sich das Publikum über die Geschichte, in der Vogel von einer Fee drei Wünsche erfüllt wurden.

Fächer waren nicht nur ein modisches Accessoire sondern im Dauereinsatz.

Unproblematisch war die Umsetzung der ersten beiden: grenzenloser Reichtum sowie Jugend und Schönheit für die Sängerin. Etwas dumm aus der Wäsche guckte letztere allerdings, als sich auch ihr dritter Wunsch tatsächlich erfüllte. Die Fee verwandelte Vogels Kater in einen menschlichen Adonis. Die Wünschende hatte dabei allerdings nicht bedacht, dass sie das Tier vor Jahren hatte kastrieren lassen. Ihren Blues mit dem männlichen Geschlecht lebte Vogel auf der Bühne aus. Aber auch ihre Kollegen fanden einige Gründe für Sentimentalität oder Melancholie. Auch wenn so manche Frage recht bizarr klang. So auch die, „ob eine Ehefrau des Nächtens am offenen Fenster jodeln darf“. Probleme mit einem Kritiker, „der hat mich so verrissen, nächtelang habe ich geweint ins Kissen“, habe Vogel gelöst, indem sie ihn einfach heiratete . Nun sei sie am kritisieren, hauptsächlich an der unzureichenden Leistung des Gatten im Bett.

Zugabe eher heimatgebunden

Ganz ohne Politik ging es auch bei dieser Vorstellung nicht ab. Beispielweise rammte die Sängerin das Bücherregal, das Kapital fiel ihr auf den Kopf und die blauen Bände von Marx gingen in den Blues über. Vom dialektischen Materialismus-Rock hatten die meisten Zuschauer wohl noch nie gehört. Die Zugabe, nach der das Publikum im ausverkauften Glöckelchen heftig verlangte, war dann eher heimatverbunden. „Mer spiele den Blues so schwarz wie Latwerge“, war der letzte Song. Nicht ohne ein Geschenk durften die Musiker, am Ende des Abends nass geschwitzt, von der Bühne. Gleich drei Zahlen wurden gefeiert: Es war das 20. Programm, Cabaret Paris trat zum 15. Mal im Glöckelchen auf und es war die 13. Premiere im Glöckelchen. Anlass genug die Künstler zu beschenken, befand Bettina Gibson-Altmann vom Glöckelchenverein und so bekam jeder einen Fotoband mit Bildern der Auftritte in Zimmern. Yvonne Vogel und Gitarrist Jens Horn wird man künftig häufiger im Zimmerner Kulturzentrum sehen können. Allerdings nicht mit Cabaret Paris sondern mit ihrem Kindertheater „Tatüt“. Das wird am Sonntag, 6. Oktober, um 17 Uhr mit seinem Stück „Von einem der auszog … Ein Grimm-inelles Märchen“ zu sehen sein.

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