Interview mit Edith Erbrich und Hans-Joseph Rautenberg

„Den Leuten einfach zuhören“

+
Berichte von und mit Zeitzeugen: Edith Erbrich und Autor Hans-Joseph Rautenberg.

Groß-Zimmern - Unterhaltsam und zugleich tiefgründig ist die Prosa des Klein-Zimmerner Autors Hans-Joseph Rautenberg. Von Fabian Sell

In seiner neuen Kurzgeschichten-Sammlung „Shorts – Erinnerungen“ geht es um die Erinnerungen von elf Menschen, die direkt oder indirekt mit dem Zweiten Welktrieg zu tun haben. Sieben Kurzgeschichten basieren dabei auf den Erzählungen der Holocaust-Überlebenden Edith Erbrich. Ihr ist das Buch gewidmet. Im Gespräch mit LA-Mitarbeiter Fabian Sell erläutern Erbrich und Rautenberg, warum „Shorts – Erinnungen“ ein besonderes Werk ist.

Wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem Thema des Zweiten Weltkriegs beschäftigen?

Rautenberg: Ich bin von Beruf EDV-Administrator und arbeite für die evangelische Kirche. Wir betreuen Altenpflegeeinrichtung. Dort bin ich einmal mit jemandem ins Gespräch gekommen. Irgendwann habe ich mir gedacht: Ich komme nach Feierabend vorbei, um den Leuten einfach zuzuhören. Daraufhin habe ich ihre Geschichten aufgeschrieben und sie ihnen zu lesen gegeben. Das hat ihnen gefallen.

Warum haben sich die Menschen Ihnen anvertraut?

Rautenberg: Bei vielen ist es die Bereitschaft, sich zu öffnen. Bekannten und Verwandten erzählen sie häufig nichts davon, weil sie nicht bemitleidet werden wollen. Es ist etwas anderes, die Erlebnisse einer neutralen Person zu erzählen.

Frau Erbrich, wie haben Sie Herrn Rautenberg kennengelernt?

Erbrich: Vergangenes Jahr war eine von mir begleitete Ausstellung über „Kinder im KZ Theresienstadt“ in Frankfurt. Dort haben wir uns kennengelernt und kamen kurz ins Gespräch. Er hat daraus, wie er meinen Vortrag bei der Ausstellung erlebt hat, die Geschichte „Echt“ geschrieben, die mich immer wieder sehr bewegt.

Sind Sie damit zufrieden, wie Rautenberg Ihre Erinnerungen in Kurzgeschichten darstellt?

Erbrich: Ich finde es super, weil er so schreibt, wie es wirklich ist. Wir haben ja manche Stunde bei mir im Wohnzimmer gesessen und gesprochen, und er hat es wirklich so wiedergegeben, wie ich es erzählt habe.

Als Zeitzeugin setzen Sie sich schon lange gegen das Vergessen ein.

Erbrich: Ich werde seit vielen Jahr von Schulen eingeladen. 2012 habe ich es mal zusammengezählt: Da kam ich auf 65 Veranstaltungen mit fast 2 500 Schülern. Ich erzähle immer so, wie es war. Das greift die Leute an, weil mir auch Schüler sagen: „So wie Sie uns das erzählen, hat uns das noch nie jemand gesagt.“ Die Schüler können alle Fragen stellen. Das können auch ganz einfache sein, wie: „Haben Sie nachts im KZ in Ihr Kissen geweint?“

Herr Rautenberg, inwiefern unterscheidet sich die literarische Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg von den Voträgen Erbrichs, die zur Aufklärung in den Schulen beitragen?

Rautenberg: Die Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen von damals; so, wie es Einzelne empfunden haben – und zwar ohne das Ergebnis zu kennen. Zum Beispiel habe ich einen Text über eine Auktion geschrieben. Dort hat jemand ein Kaffee-Service ersteigert, bei dem ein Stück herausgebrochen war. Ein paar Tage später lud er Leute zu sich ein. Die erzählten dann davon, dass ihre Nachbarn ausgezogen wären, die genau so ein Service mit eben diesem Schaden gehabt hätten. Die Vermutung lag nahe, dass das Geschirr von diesen Nachbarn stammte. Durch die Geschichten lernt man die Leute besser zu verstehen und begreift, welchem Irrtum sie teilweise aufgesessen waren.

Sie versuchen, ihre Geschichten möglichst authentischen zu halten. Doch im Nachhinein kann man oft schwer trennen, was Erinnerung ist, und was sich mit anderen Dingen vermischt hat.

Rautenberg: Die Vergangenheitsbearbeitung muss man sehr individuell sehen. Es gibt auch die Verklärung, wie ich sie im Fall eines 93-Jährigen hatte. Er war Kriegsgefangener in Italien und hat mir sein ganzes Leben erzählt. Im Gespräch habe ich gemerkt, dass er irgend etwas zurückhält. Dann habe ich in der Ecke seines Zimmers ein Bild von Adolf Hilter und Mussolini entdeckt. Auch das ist Teil einer der Kurzgeschichten im Buch.

‹ Am Samstag, 21. September, liest Hans-Joseph Rautenberg ab 18 Uhr in der evangelischen Kirche aus „Shorts–Erinnerungen“. Edith Erbrich wird als Holocaust-Überlebende von Ihren Erinnerungen erzählen.

Der Autor spendet die Einnahmen seiner Bücher. So gingen die Erlöse bisherig an das Kreis-Tierheim in Münster und das St. Josephshaus in Klein-Zimmern. Mit den Einnahmen aus „Shorts–Erinnungen“ werden Stolpersteine finanziell unterstützt, die an das Schicksal der Menschen im Nationalsozialismus erinnern.

Weitere Informationen zu Veranstaltungen im Rahmen der „Nacht der Kirche“ am 21. September folgen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare