Dialekt-Abend im Glöckelchen:

Zimmnerisch ist nit schwer

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Fritz Ehmke (links) von den Mundartfreunden Südhessen übergibt dem Groß-Zimmerner Manfred Göbel das Schild „Mer schwätze Mundart“.

Groß-Zimmern – Erwartungsvoll sitzen die Besucher des Dialekt-Abends im großen Saal des Glöckelchens. Viele sind am Samstagabend früh gekommen, da schon vorher klar war, dass die Veranstaltung ausverkauft ist.

Langweilen muss sich aber niemand bis die drei Protagonisten Manfred Göbel, Gaby Geier und Thomas Beutel ihre Dialektbeispiele vortragen. Denn mit Dialektwörtern auf der Leinwand können sich alle schon mal einstimmen.

Manfred Göbel eröffnet den Abend. Ganz ausdrücklich in Hochdeutsch – was ihm an einer Stelle schwer fällt. Zu ungewöhnlich ist es offensichtlich für ihn, an diesem Ort keinen Dialekt zu sprechen. Leichter fällt es ihm dann, als er Beispiele bringen darf. Fürs Zimmnerische reicht das Alphabet mit seinen Buchstaben nicht, meint er. Der Zimmerner benötige noch zwei Doppellaute, die sonst nicht gebräuchlich sind. Das oa wie in oaner (einer) oder Saloat (Salat) ebenso wie das ou in Ouwe (Ofen) oder oudou (anziehen). Kompliziert wird es beim Satz „Oam ebbes oudou is was anneres wie de Jack oudou“. Göbel räumt aber ein, dass es bei der Schreibweise dieser rein gesprochen Sprache auch Differenzen gibt, wie sie in Gesprächen zwischen ihm und Gaby Geier immer wieder aufflammen.

Aber nicht nur die Wörter sind unterschiedlich, sondern auch manche Satzgebilde, die man im Hochdeutschen so gar nicht ausdrücken könne. Göbel macht das an einem Verwandtschaftsverhältnis deutlich. Der Neffe von Georgs Schwiegertochter ist in Zimmern „Dem Schorsch soim Hans soine Fraa ehrne Schwester de Bu“. Ein Resümee hat Göbel auch für seine Zuhörer „Me konn Zimmnerisch schwätze, aa ohne all des zu wisse, was ich gesoat häbb, wann mer nor schwätzt, wie oam de Schnawwel gewoachse is.“

Thomas Beutel hingegen hält sich nicht mit Schreibweise und Grammatik auf. Er präsentiert Auszüge aus Kerbreden, die selbstverständlich in Zimmnerisch gehalten werden. Früher hat er die jungen Kerbväter ausgebildet und sie das Zimmnerische üben lassen. Die früheste Rede ist aus dem Jahr 1961, die neuste aus dem Jahr 2006. In letzterer widmet sich der Verfasser – die wechselten im Laufe der Jahre immer wieder – dem „schlimmste uff de Welt, die häwwe Vorsjoahr de Kerbboam gefällt.“ Die Rache soll schrecklich sein, so hieß es damals, „Woann mer sou e Prachtstick, de Kerbboam fällt, geheijert mer nackisch on de Pranger gestellt.“

Gaby Geiers Vortrag begleitet sie nach eigenem Bekunden schon fast ihr ganzes Leben. Am Anfang betet Geier ihr Mantra „Zimmnerisch ist nit schwer, mer musses nor kenne“, ganz alleine daher. Aber es dauert nicht lange, da steigt auch das Publikum ein. Aber die Zuhörer sprechen auch andere Wörter mit, die Geier immer wieder übersetzt oder umreißt. „Wonn sich oaner uffem Rathaus beschwert, waas jeder in Zimmern, ob grouß orrer kloa, des hast gor nit Rathaus, mer soue Gemoa.“ Aber Geier führt auch einige Worte an, die man ohne Hilfe kaum übersetzen kann. Das „Bibou“ ist das Bein einer Biene. Die „Ladweje“ (Pflaumenmus) wird ein Südhesse noch verstehen, aber „Strickhuppches“ wird die meisten Nicht-Zimmerner ratlos zurück lassen. Es ist das Seilspringen.

Die Besucher sind auf jeden Fall angeregt, nach der ersten Pause muss Göbel schon etwas lauter werden, damit sich die Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtet, zu interessant sind die Gespräche mit dem Sitznachbarn. Der Abend ist nicht nur vergnüglich, sondern hat auch noch einen anderen Zweck. Dem Glöckelchen oder eher dem Glöckelchenverein wird das Schild „Mer babbele Mundart“, durch die Mundartfreunde Südhessen in Person von Fritz Ehmke verliehen. Der bekennt, dass er als Nicht-Südhesse keine reine Mundart babbelt, sondern sich alles angeeignet hat. Dennoch outet er sich als absoluter Mundartfan. Das Schild will Göbel am Eingang zum Keller des Kerbvereins anbringen, dort werde am meisten Dialekt gesprochen.

Einige Zuhörer gehen auch mit Preisen aus dem Saal. So gibt es fünf Mal das „Kleine Südhessische Wörterbuch“ und fünf Mal das Kinderbuch „Südhessisch für Grodde un Lauser.“ Als Hauptpreis können wohl Karten für den „Guggugg“ bezeichnet werden. Der Mundartbarde aus Spachbrücken sollte eigentlich auch kommen, hatte aber andere Verpflichtungen.

Dennoch können sich die Besucher auch über südhessische Musik freuen. Roland Bauer aus dem Schlierbachtal und Mitglied der Mundartfreunde besingt den Kittel, den die Dame gerne zu Hausarbeiten aller Art trägt. Und die beiden Zimmerner Barden Otto und Otto, bürgerlich Otto Herdt und Otto Sorrentino, haben natürlich überhaupt keine Schwierigkeiten, in ihrem umfangreichen Repertoire viel Zimmnerisches zu finden. Manches drücken die beiden nicht mal über Worte aus. Der Gickel aus der Zimmerner Nationalhymne kräht auf der Gitarre von Herdt zur Begeisterung des Publikums ganz deutlich, auch das Gackern der Henne klappt auf den Saiten. (zba)

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