Schüler staunen über Hundehalter und Reiter

„Die lügen doch alle“

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Idylle mit Reiter. Manchmal kommen sich Pferde- und Hundehalter ins Gehege.

Groß-Zimmern/Dieburg - Voll bis auf den letzten Platz war der Saal im Amtsgericht Dieburger am Donnerstag. 28 Achtklässler des . gymnasialen Zweigs der Goetheschule waren mit ihrem Lehrer zur Verhandlung gekommen. Von Gudrun Fritsch 

Angeklagt war ein Informatiker wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort und Widerstands gegen Polizeibeamte. Nach gut dreistündiger Zeugenbefragung urteilte Strafrichter Gerhard Oefner, dass der erste Vorwurf keinen Bestand habe, da der Vorfall nicht im öffentlichen Straßenverkehr stattfand. Für den „aktiven Widerstand“ hielt ihn der Richter jedoch für schuldig und verwarnte ihn zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 60 Euro, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist. Außerdem muss der Mann 500 Euro an den Tierschutzverein Münster und Umgebung spenden.

Was war passiert: Zunächst hörten die Anwesenden im Saal die Anklage und dann die Darstellung des Vorfalls aus Sicht des Angeklagten. Er sei am 11. November 2012 mit seinen beiden Golden Retriever wie üblich in der Gemarkung zwischen Zimmern und Spachbrücken spazieren gegangen, schilderte der 56-jährige Pole. Als zwei Frauen mit ihren Pferden an ihm vorbeikamen, habe er den unruhigeren Hund an die kurze Leine genommen. Als die Reiterinnen etwa zehn Meter an ihm vorbei waren, habe er gesehen, wie das hintere Pferd tänzelte. Die Frau sei „langsam aus dem Sattel gerutscht“ und habe dann am Boden gesessen, sich aber offensichtlich nichts getan. „Ich wollte mit meinen Hunden nicht nahe rangehen, um die Pferde nicht scheu zu machen“, begründete der Angeklagte sein Verhalten.

Auf seinem Heimweg seien ihm die Reiterinnen dann gefolgt und nachdem er wieder zu Hause war, kam die Polizei. Er habe nicht gewusst, was die Beamten wollen, die hätten auf sein Nachfragen nur gesagt: „Du weißt es schon.“ Unter Tränen berichtete der Angeklagte von Erinnerungen an Polizeieinsätze in Polen gegen die Bürgerrechtsbewegung „Solidarnosc“. Deshalb sei er ausgerastet und wollte seine Personalien nicht angeben. Die Polizisten hätten ihm Handschellen angelegt ihn geschlagen und auch noch im Fahrzeug misshandelt. Ganz anders die Sichtweise der Zeuginnen aus Roßdorf und Darmstadt. Die Reiterinnen beklagten, der Mann habe die Hunde auf dem Feldweg Löcher graben lassen und sei nicht an den Rand gegangen, um sie vorbei zu lassen. Der angeleinte Hund habe direkt an den Läufen des hinteren Pferdes gebellt und dieses sei durchgegangen. Die Reiterin sei gestürzt, habe laut geschrien und am Boden gelegen. Während die andere das Pferd wieder einfing und Passanten von weiter her zur Hilfe gerannt kamen, habe sich der „Unfallverursacher“ mit seinen Hunden im Gebüsch versteckt. Die zweiunddreißigjährige Frau aus Darmstadt habe dabei eine Lendenwirbel-Verletzung erlitten.

Die Frauen wollten zurück, doch auf ihrem Heimweg habe der Hundehalter dann einen der beiden Hunde auf sie gehetzt. Deshalb hätten sie per Handy die Polizei informiert, die dann auch gleich kam. Am Roten Morgen habe ihnen eine Passantin den Wohnort des Hundehalters genannt und gemeinsam mit den Polizisten seien sie dort angekommen. Neben der Beschreibung des aktiven Widerstands berichteten die Frauen auch von gefährlich zähnefletschenden, aggressiven Hunden. Unterschiedliche, subjektive Sichtweisen? „Die lügen doch alle“, urteilten einige Schülerinnen nach der Verhandlung entsetzt.

Das Gericht versuchte zwar die Wahrheit heraus zu finden, aber ein Gespräch von Rechts- und Staatsanwalt führte nach einer Verhandlungspause zu der Feststellung, dass der Tatvorwurf der „Fahrerflucht“ sowieso nicht greife, weil sich der Vorfall nicht im öffentlichen Raum abgespielt hat. Eventuelle zivilrechtliche Schadenersatzansprüche blieben davon jedoch unberührt.

Der Angeklagte habe sich jedoch des Widerstands gegen Polizeibeamte schuldig gemacht, so Richter Oefner, denn die hatten im vorliegenden Fall eine Aufklärungspflicht. „Wenn Sie meinen, Ihnen wird Unrecht getan, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt. Wer gegen die Polizei die Fäuste hebt, muss damit rechnen, dass er eins auf die Nuss kriegt“, belehrte ihn der Richter.

Eine klare Botschaft war das wohl auch für die Schüler. Die zogen am Ende daraus die Lehre: „Lege dich nie mit der Polizei an.“ Eher erleichtert und wohl auch mit etwas Schuldbewusstsein nahm der Angeklagte das Urteil an, das damit rechtskräftig ist.

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