Dieser Botschafter kommt mit dem Rad

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Mit seiner „Gegen Leukämie“-Fahne macht Rolf Haussauer bei seinen Touren auf die Blutkrebserkrankung aufmerksam.

Groß-Zimmern - „Du hast´n Auto und ein Motorrad und fährst Fahrrad? Du hast ´ne Macke!“ Solche Vorurteile prallen an Rolf Haussauer ab wie lästige Fliegen. Von Ursula Friedrich

Mit 25 Kilo Gepäck auf dem Rücken schob er Anfang Juli sein Fahrrad vom Hof, um in fünf Wochen die 1 .612 Kilometer herunterzustrampeln.

„Bis Norwegen bin ich stracks durchgefahren – zurück auch mal mit dem Zug“, erzählt der 55-Jährige. Einzige Ausrüstung: Ein paar Kilo Gepäck, Kompass, selbstgestricktes Englisch, ein Pfund Medikamente und das Fähnchen am Rahmen: „Gegen Leukämie“. Denn Rolf Haussauer ist ein Botschafter. Auf seinen Länder und Grenzen überschreitenden Touren macht er auf die Blutkrebserkrankung aufmerksam und wirbt für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS).

Der gebürtige Schottener (Vogelsberg), der seit 1996 in Groß-Zimmern lebt, ist selbst betroffen. Knapp zehn Jahre liegt die Diagnose zurück. „Kommen sie nochmal zum Blut abnehmen, im Labor ist irgendein Fehler unterlaufen“, hatte eine freundliche Arzthelferin noch Schlimmeres ausgeschlossen. Ein zweiter Test besiegelte allerdings schlimmste Befürchtungen: am 27. November 2001 wurde bei Rolf Haussauer chronische myeloische Leukämie diagnostiziert. „Sechs bis acht Jahre Lebenszeit haben mir die Ärzte damals noch gegeben“, erinnert er sich.

„Zunächst war ich wie gegen die Wand gefahren“, schildert er die traumatisierende Erinnerung – doch Rolf Haussauer ist ein Kämpfer. Nicht nur auf dem Asphalt, wenn er trotz Gegenwind und Steigung Kilometer um Kilometer herunter strampelt. Heute legt er bei jedem Krafteinsatz sein persönliches Mantra in die Pedale: „Leukämie, du kriegst mich nicht.“ Und bei diesem ganz persönlichen Marathon gegen den Feind im Körper fließen auch Tränen.

Seine positive Einstellung und die Eigenart, nicht schicksalsergeben jedes Wort eines Arztes zu „schlucken“, fungieren als Überlebenselixier. Rolf Haussauer, der bereits mit 14 Jahren von seiner Heimatstadt Neu-Isenburg im Regen nach Heidelberg strampelte, ist ein aufgeklärter, ambitionierter Patient. Als er von einem neuen Medikament erfuhr, dass bislang nur in den USA zugelassen war, versuchte er, seinen Onkologen von diesen Tabletten zu überzeugen. Erfolglos.

Rolf Haussauer wechselte den Arzt und bekam sein Medikament. „Ich schlucke täglich mit zwei Tabletten meine Chemotherapie“, erklärt er, „wie zwei Smarties.“ Seit einem Jahr nimmt er an einer Studie für ein neues Präparat teil, „das hat eigentlich keine Nebenwirkungen.“ In der Krankengeschichte hat sich leider doch ein Nebeneffekt eingestellt: Rolf Haussauer leidet nun auch an Diabetes und muss sich täglich Insulin spritzen. „Aber ich bin gut drauf“, erklärt er, „schade, dass als Nebenschauplatz nun noch Diabetes dazu kam.“

Trotz seiner Krankheit ist er voll berufstätig, als Arbeitserzieher in der Nieder-Ramstädter Diakonie. Bei den Kollegen hat er längst den Spitznamen „de Radfahrer“ weg. Radfahren, das war schon immer seine Passion. Als Knirps hatte der große Bruder Herbert ihm das Radfahren beigebracht. In den 70er und 80er Jahren fuhr er als aktiver Radsportler Rennrad. Seit 1976 führten große Touren nach Italien, ins französische La Rochelle, Prag oder Helgoland und bis auf den Großglockner.

Durch die Krankheit gezwungen, einen Gang zurückzuschalten, sattelte der Patient 2008 in einer Rehaklinik auf das Ergometer um. Nach 1. 000 Kilometern auf dem Tacho wurde ihm das gelbe Trikot verliehen.

Bereits ein Jahr später fuhr der Groß-Zimmerner nach Garmisch. Sein „Leukämie-“ Trikot und die Fahne am Rahmen verfehlten ihre Wirkung nicht. Rolf Haussauer sucht das Gespräch, und wirbt um Spender für die Knochenmarkspenderdatei.

„Für den Spender ist der Eingriff harmlos – für den Empfänger die einzige Chance auf Heilung“. In Deutschland erkrankt alle 45 Minuten ein Mensch an Blutkrebs. Da die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Knochenmarkspender zu finden gering ist (etwa 1:12.000 bis 1: mehrere Millionen), zählt jeder neue Spender in der Datei.

So wird Rolf Haussauer auch im kommenden Jahr mit seinem Rad auf Tour gehen. Dabei hat er die französische Partnerstadt Groß-Zimmerns St. Fargeau Ponthierry bei Paris ins Visier genommen.

„Wenn die Gesundheit hält“, sagt er knapp und grinst, „ich bin zwar nicht der Schnellste, aber ausdauernd wie ein alter Traktor.“

Information zur Stammzellenspende gibt es bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei in Tübingen unter www.dkms.de oder unter 07071/9430.

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