Durch Inklusion viel gelernt und gewonnen

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Evangelische Kita betreut zur Zeit fünf Integrationskinder.

Groß-Zimmern - „Wir nehmen gerne noch Kinder mit Einschränkungen auf“, erklärt Helga Lindner, Erzieherin und Einrichtungsleiterin im evangelischen Kindergarten. Von Ulrike Bernauer

Bereits 2006 nahm die Kindertagesstätte mit Mia Stieber das erste schwerstbehinderte Kind auf, das wegen eines Umzugs der Mutter die Einrichtung inzwischen wieder verlassen hat. Fast zeitgleich kam noch ein weiteres Kind mit starken Beeinträchtigungen dazu. Aktuell werden von der Einrichtung fünf Integrationskinder betreut.

„Wir haben die meiste Erfahrung in Groß-Zimmern“, sagt Lindner ganz nüchtern. Vieles von dem, was sie heute wüssten über den Umgang mit den „besonderen“ Kindern hätten sie sich selbst erarbeitet und schlicht aus der Erfahrung gelernt. Ein Beispiel erzählt die Erzieherin. „Am Anfang haben die Therapeuten Mia immer in einem extra Raum behandelt. Als sie dann gesehen haben, wie Mia normalerweise immer in der Gruppe mit dabei ist, haben sie irgendwann die Übungen im Gruppenraum abgehalten. Dadurch hatten wir Erzieherinnen die Chance, einige von den Übungen zu lernen und selbst mal anzuwenden. Außerdem wurde alles viel selbstverständlicher.“

Erhöhter Platzbedarf

Die Aufnahme von Kindern mit Einschränkungen bringt natürlich auch Probleme. Da ist zum einen der erhöhte Platzbedarf. Schwerstbehinderte Kinder sitzen bisweilen im Rollstuhl oder brauchen eine Liegefläche. Dafür müssen zwei Quadratmeter Platz eingerechnet werden, für ein anderes Kind ist es nur ein halber Quadratmeter. Zudem müssen schwerstbehinderte Kinder gehoben werden, was auf Dauer auf die Knochen der Erzieherinnen geht. Aber auch ein blindes Kind, wie es auch schon einmal in der Einrichtung war, stellt alle vor Herausforderungen.

Natürlich gibt es auch besondere Unterstützung. „Früher wurde die Gruppengröße bei Aufnahme eines Integrationskindes um fünf Kinder reduziert. Wie das mit dem neuen hessischen Kinderförderungsgesetz in Zukunft gehandhabt wird, wissen wir noch nicht“, sagt Lindner. Zusätzlich kommt noch eine Fachkraft hinzu, die zwischen 15 und 30 Stunden zusätzlich in der Gruppe ist, je nach Behinderungsgrad des Integrationskindes.

Lindner könnte sich vorstellen, bis zu neun eingeschränkte Kinder aufzunehmen und das bei zurzeit 65 Kindern in drei Gruppen in der Einrichtung. Sie wünscht sich allerdings noch bauliche Veränderungen, also einen weiteren Raum, um mehr Platz für die besonderen Ansprüche der Kinder zu haben. Mehr als drei Integrationskinder pro Gruppe soll es allerdings nicht geben.

Etwa 40 Kinder benötigen mehr Förderung

Der Bedarf ist unter Umständen vorhanden. Lindner rechnet mit fünf Prozent Integrationskindern an der Gesamtkinderzahl in der Bevölkerung. Dazu zählt sie allerdings neben den Kindern mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen auch Kinder, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und die deshalb einer besonderen Förderung bedürfen. Nach ihrer Rechnung gibt es in Groß-Zimmern zurzeit also etwa 40 Kinder, die mehr Förderung benötigen. Nicht alle davon gehen in eine „normale“ Einrichtung, manche Eltern entscheiden sich auch für Einrichtungen, die speziell für Behinderte sorgen, wie die Nieder-Ramstädter Heime.

Dabei ist die Erzieherin davon überzeugt, dass allen Kindern das Zusammensein gut tut. „Behinderte Kinder können mehr vom Leben haben, wenn sie dazu gehören dürfen“, sagt Lindner und sie denkt auch an die Kinder ohne Einschränkungen. Die akzeptierten die besonderen Altersgenossen viel unbefangener als Erwachsene. „Wenn sie Lust haben, legen sich die Kinder einfach zu einem schwerstbehinderten Kind, machen also das, was das Kind auch kann, wenn sie keine Lust haben, dann eben nicht.“ „Wir haben viel gewonnen“, sagt Lindner zum Schluss des Gesprächs. „Der Umgang mit den behinderten Kindern hat unseren Blick größer gemacht, wir Erwachsenen haben Ängste verloren.“

Glücklich gemacht haben die Erzieherinnen auch Mias Mutter Nicole Stieber. Als sie mit ihrer Tochter wegzog, hat sie den Erzieherinnen noch ein Gedicht vermacht. Stieber spricht darin von ihren Ängsten: „An einem Montagmorgen kamen wir bei euch an, im Gepäck viele Ängste und Sorgen. Ich glaubte immer, dass dies hier niemals gut werden kann und war mir sicher, es gibt kein Morgen“. Optimistisch endet das Gedicht: „Wenn ich heute komme und alles strahlt, dann beginne ich zu verstehen, Integration ist kein Wort für den Politiker, der damit prahlt. Nein es ist für euch, wer will, kann kommen, kann es sehen“.

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