Die eigenen Stärken sehen

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Mehr Selbstbewusstsein durch Kreativität. Auch beim Maskenbau setzen sich die Teilnehmer mit ihrer Situation auseinander.

Groß-Zimmern ‐ Florence Geiss hat eines der Ziele des Projektes Impuls 50 plus erreicht. Mehr Selbstbewusstsein hat die 50-Jährige auf jeden Fall gewonnen. „Vor dem Projekt habe ich mir nichts mehr zugetraut, nach der Einladung zur Mitarbeit habe ich mich darauf gefreut, kreativ sein zu dürfen.“ Von Ulrike Bernauer

Heute steht die ehemalige Bürokauffrau auf der Bühne des Zimmerner Jugendzentrums und erzählt von ihren Problemen. Als ob das noch nicht genug ist, als Frontfrau der Gruppe „The midlife Special“ singt sie vor und freut sich über einige Buchungen ihrer ebenfalls sehr selbstbewussten Truppe. Die Band ist auch ein Resultat dieses neuen Weges, den die Kreisagentur für Beschäftigung beschreitet, um Langzeitarbeitslose mit besonderen Schwierigkeiten wieder ins Arbeitsleben zu integrieren.

100 Teilnehmer haben den Kurs im vergangenen Jahr durchlaufen, 300 weitere sind für dieses Jahr geplant. Zwei Beschäftigte managten „Impuls 50 plus“ im vergangenen Jahr, sieben sind aktuell. Und drei davon sind dem Teufelskreis aus Minderwertigkeitsgefühl und Arbeitslosigkeit bereits entkommen.

Kunsttherapeutin Evi Borst, Bühnen- und Messebauer Ralf Hamola und Zirkusartistin Astrid Frontner waren selbst Kunden der Arbeitsagentur. Die ehemalige Artistin - geboren und aufgewachsen ist sie beim Zirkus Krone, stand 2007 zuletzt in der Manege. Danach bezog sie Hartz IV. Jetzt bringt sie die Projektteilnehmer mit Gymnastik auf Trab, die eine oder andere Jonglage ist auch mal dabei.

Aus drei Phasen besteht das Projekt: In der ersten lernen sich die Teilnehmer kennen und tauschen sich über ihre Situation aus. Ein bis zweimal die Woche trifft man sich in Groß-Umstadt in der Diakonie. „Daran schließt sich die Kreativphase an, die acht Wochen dauert“, erklärt Fallmanagerin Kiliane Vaupel. Mit Holz und Speckstein wird gearbeitet oder es wird gemalt - die Werke sind an der Wand des Jugendzentrums zu sehen - und es wird auch Musik gemacht.

Drei Impuls-Phasen werden durchlaufen

In der dritten Phase, die ursprünglich auf ein Jahr begrenzt war, mittlerweile bis zu drei Jahren dauern kann, sollen die Teilnehmer dann in Arbeit gebracht werden.

Bei zwölf ist es diesmal gelungen, sie haben Arbeit im ersten Arbeitsmarkt gefunden. Andere Teilnehmer sind bereits aus dem Projekt ausgeschieden, bei einigen von ihnen stellte der Amtsarzt fest, dass sie einfach nicht mehr arbeitsfähig sind. Einige erreichen auch schlicht das Rentenalter.

Den Kontakt zu ihrer Gruppe verlieren sie ungern, halten können sie ihn über das „Café fifty plus“, das inzwischen Anlaufstelle im Mehrgenerationenhaus (MGH) im Otzbergring ist.

Auch hier bieten sich noch Möglichkeiten, wie Mitarbeiterin Christiane Hucke erzählt. Zwei Teilnehmer sind im Seniorenbereich unter gekommen und eine ehemalige Krankenschwester hat eine Fortbildung zur Demenzbetreuerin gemacht und unterstützt nun selbst die Arbeit im MGH.

„Ein-Euro-Job“ klingt nicht motivierend

Sängerin Geiss hat den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt noch nicht geschafft. Sie ist inzwischen in einer „AGH“, einer Arbeitsgelegenheit also, besser bekannt als „Ein-Euro-Job“. Ein Begriff den Vaupel nicht gerne hört: „Das klingt so, als wenn die Arbeit nur einen Euro wert sei. So stimmt es aber nicht.“ Geiss hilft dabei, den Kräutergarten der Petri-Villa in Ober-Ramstadt wieder aufblühen zu lassen. Andere Beschäftigungsmöglichkeiten sind die Mitarbeit bei Ferienspielen oder die Verschönerung und Instandsetzung der Außenanlage eines Kindergartens in Reinheim.

Lieselotte Mück ist 61 Jahre, ebenfalls Sängerin bei den „Midlife Specials“ und sehr skeptisch, was ihren Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt betrifft.

„Wer nimmt mich schon mit 61, obwohl man die Hoffnung ja niemals aufgeben soll.“ Im Tierheim hat sie bereits für einen Euro gearbeitet, aber nach einem Jahr ist Schluss mit einer solchen Arbeitsgelegenheit. Mück hofft nun auf eine Beschäftigung im Altenheim. „Dann fällt mir wenigstens nicht zu Hause die Decke auf den Kopf.“ Freundschaften hat sie geschlossen und die Musik, deren Stellenwert für das Wohlbefinden Bürgermeister Achim Grimm in seinen Grußworten betont, hilft ihr auch.

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