Rektor Heiko Richter verlässt die Kettelerschule.

Einrichtung, die Sicherheit bietet

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Nicht nur Noten für schulische Leistungen vergibt Heiko Richter an seine Schüler. Mit einem von ihm selbst entwickelten, klar strukturierten Verfahren hält er auch das soziale Verhalten anschaulich fest.

Groß/Klein-Zimmern (bea) ‐ „Die vorrangige Aufgabe unserer Schule ist es, uns überflüssig zu machen“, sagt Heiko Richter, gerade noch Rektor der Bischof-Ketteler-Schule. Die Schule für Erziehungshilfe ist angeschlossen an das St. Josephshaus in Klein-Zimmern. Richter arbeitet seit 19 Jahren an der Förderschule, seit 2000 ist er ihr Leiter und zum 1. August verlässt er die Einrichtung, um am Edith-Stein-Gymnasium in Darmstadt als Lehrer ohne Leitungsfunktionen zu arbeiten.

„Ich wollte unbedingt endlich als Lehrer arbeiten“, erklärt Richter auf die Frage, wie er an die Förderschule gekommen ist. Zu Zeiten der „Lehrerschwemme“ startete er in den Beruf, an einem Sprachheilzentrum in Gießen arbeitete er vorher in sozialpädagogischer Funktion.

Besondere Anforderungen werden an einen Lehrer der Bischof-Ketteler-Schule gestellt, denn an der Förderschule wird nach dem Klassenlehrer-Prinzip unterrichtet. Das heißt, die Schüler werden nur von einem Pädagogen unterrichtet, der folglich in allen Fächern zu Hause sein muss. „Wir wollen den Kindern Sicherheit geben und einen verlässlichen Rahmen mit festen Strukturen“, erklärt der Schulleiter dieses besondere Schulprinzip.

„Stärken stärken“ ist ein weiteres Gebot des engagierten Lehrers, „denn negative Rückmeldungen haben die Schüler schon genug erfahren“. An die Bischof-Ketteler-Schule kommen nur Kinder, die zuvor in der Regelschule gravierende Schwierigkeiten hatten. Stolz ist Richter darauf, dass es ihm im letzten Schuljahr gelungen ist, drei Schüler wieder an die Regelschule zurück zu verweisen.

Es gibt allerdings auch solche, die einen beträchtlichen Teil ihrer Schulbiographie an der Klein-Zimmerner Förderschule verbringen. Sie finden hier die Geborgenheit, die sie an der Regelschule vermissen.

Nur neun Kinder befinden sich in einer Klasse, vier Klassen gibt es insgesamt, wobei das erste bis vierte Schuljahr zusammen in einer Klasse unterrichtet wird. In zwei Klassen befinden sich Schüler des fünften, sechsten und siebten Schuljahrs, eine Klasse führt die Ältesten auf den Hauptschulabschluss hin.

Feste Strukturen geben Sicherheit und deshalb ist der Tagesablauf ganz klar gegliedert. Von 8 bis 11.15 Uhr findet der kognitive Unterricht mit den relevanten Schulfächern statt, von 11.15 bis 12.30 Uhr gibt es Werkstattunterricht in der Schlosserei, der Gärtnerei, in der Hauswirtschaft, bei den Malern oder den Schreinern und am Nachmittag findet eine sozialpädagogische Betreuung statt.

Genaue Beobachtung der ihm anvertrauten Kinder ist für Richter sehr wichtig. Einen Test muss jeder Schüler beim Eintritt in die Förderschule ausfüllen. In ihm werden weniger schulische Kenntnisse abgefragt, es geht mehr um den Entwicklungsstand, in dem sich ein Kind befindet. „Wenn ein Zwölfjähriger sich im sozialen Bereich eher auf dem Entwicklungsstand eines Neunjährigen befindet, dann muss ich ihn auch als Neunjährigen ansprechen“, erklärt Richter das in den USA entwickelte Konzept von Mary Wood.

Maßgeblich hat er die Entwicklung der Schule seit Anfang der neunziger Jahre mit geprägt. Als er in Klein-Zimmern als Lehrer begann, war die Schule eine geschlossene Schule, nur für Kinder und Jugendliche, die im St. Josephshaus lebten. Erst 1996 wurde sie auch für Schüler von außerhalb geöffnet: Mittlerweile kommen nur noch zehn Prozent aus dem St. Josephshaus, die meisten der dort untergebrachten Kinder besuchen eine Regelschule im näheren Umkreis.

Finanziert wird die Schule für Erziehungshilfe vom Bischöflichen Ordinariat in Mainz und dem Land. Sie hat einen großen Einzugsbereich, praktisch den ganzen Landkreis Darmstadt/Dieburg. Früher kamen Kinder und Jugendliche noch aus den Landkreisen Offenbach oder nahe Aschaffenburg nach Klein-Zimmern, mittlerweile haben diese Gebiete eigene Schulen für Erziehungshilfe.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt Richter nun die Bischof-Ketteler-Schule in Klein-Zimmern. „Es war mein Zuhause“, sagt der Gymnasiallehrer, „und diese Schule hat mich geprägt, wie auch ich sie ein Stück weit prägen durfte“.

Dennoch sucht der 51-Jährige noch einmal eine andere Herausforderung. Biologie und Politikwissenschaften wird Richter künftig an der Darmstädter Edith-Stein-Schule unterrichten.

Gespannt ist er auf den Unterschied: „Von einem ganz kleinen Schulsystem mit fünf Lehrern wechsele ich nun zu einem großen Lehrkörper mit 110 Kollegen und auch ganz anderen Klassengrößen, als ich sie gewohnt bin“.

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