Einst Hochburg der Kommunisten

Groß-Zimmern ‐ Warum galt Groß-Zimmern jahrzehntelang als Hochburg der Kommunisten? Wann durften Frauen an die Wahlurnen? Welches Parteienspektrum prägte die Entwicklung der Kommune seit 1919? Fragen, denen Dr. Manfred Göbel, vom Glöckelchenverein, seine Recherchen widmete. Von Ursula Friedrich

Bevor der Vorsitzende des Vereins für Kultur, Kunst und Heimatgeschichte seinen politischen Vortrag im Kulturzentrum hielt, gab es für die Gäste ein kniffliges Parteienquiz. Tatsächlich konnte kein Besucher alle Fragen richtig beantworten. Göbels Vortrag konnte dann die Wissenslücken füllen.

So etwa, dass Achim Grimm seit 1919 als neunter Bürgermeister den Chefsessel im Rathaus ausfüllt. Und: Rund 20 Parteien und Wählergemeinschaften seit dieser Zeit kandidierten. Die Berechtigung zum Wählen war vor 1919 abhängig von Stand und der Größe des Portemonnaies – für Frauen waren die Wahlurnen tabu. Mit den ersten demokratischen Wahlen in Groß-Zimmern verschob sich dieses Ungleichgewicht. Bereits 1903 war die SPD gegründet worden, die neben der Zentrumspartei und der 1918 gegründeten Demokratischen Vereinigung (DDP) kandidierte.

Zwei Drittel waren arme Tagelöhner

Eine Absplitterung der SPD war die linksorientierte USPD, die später in die KPD überging und ebenfalls kandidierte. Beide Parteien erzielten bei der ersten Wahl rund 30 Prozent. Die großen Erfolge der KPD, die 1922 erstmals kandidierte, führte der Referent auf drei Ursachen zurück. „Die soziale Struktur Groß-Zimmerns begünstigte den Erfolg“, so Göbel. In einer Ortschronik von 1850 seien zwei Drittel der Bevölkerung arme Tagelöhner gewesen. Auch nach dem Ersten Weltkrieg gab es existenzielle Nöte. 340 der 907 Einwohner verdingten sich als Maurer und Zimmermänner bei großen Firmen, die bereits gewerkschaftlich organisiert waren. Auch starke Persönlichkeiten beeinflussten den Erfolg der Kommunisten. Heinrich Angermeier, Mitbegründer der USPD saß als späterer Chef der KPD bis 1933 im Gemeinderat, bis 1931 sogar im hessischen Landtag. Wie zahlreiche andere Bürger wurde Angermeier nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verhaftet. Er verstarb 1945 im Konzentrationslager Dachau.

Das Parteienbild der 20er Jahre wurde von der evangelischen Volksgemeinschaft, der Bürgervereinigung und dem von August Pullmann gegründeten Landbund bereichert. Manch stürmische Sitzung im Gemeindeparlament ist in den Chroniken verewigt: So soll es 1930 derart heiß hergegangen sein, dass die Gemeinde Eintrittskarten an die Bürger verkaufte, um einen Überblick über den Zuspruch zu haben.

Die NSDAP hatte Schwierigkeiten in Groß-Zimmern Fuß zu fassen: „Vor Hitlers Machtergreifung gab es keine Ortsgruppe“, so Göbel. Der erste Versuch einer Versammlung am 3. Juli 1931 wurde verboten – aus Angst vor den Kommunisten. Auch einen Sternenmarsch der SA wurde von den Behörden untersagt.

Sozialdemokraten 1960 mit absoluter Mehrheit

Bei einem Fackelzug der Nazis am 1. Juni 1932 kam es dann auch zu dem befürchteten Konflikt mit den Kommunisten. Verhaftungen und Hausdurchsuchungen handelten sich linksorientierte Bürger nach der Machtergreifung Hitlers ein.

Eine Folge des Zweiten Weltkriegs war die neue Struktur der Bevölkerung: 15 Prozent waren Heimatvertriebene, die sich in den 50er Jahren als Gesamtdeutscher Block (BHE) politisch engagierten. Zunächst beherrschten SPD, CDU und KPD das Parteienbild - letztere wurde später verboten. 1960 gelang es den Sozialdemokraten, mit rund 60 Prozent der Wählerstimmen die absolute Mehrheit zu erringen.

Neben den Volksparteien entstanden Bürgervereinigungen, so etwa die Wählervereinigung WVG. Sie zog 1964 mit dem damaligen Herausgeber des Lokal-Anzeigers als Spitzenkandidat in den Wahlkampf. Karl Heinrich Nelius errang 21,3 Prozent der Stimmen, die SPD gewann mit 43,8 Prozent. Bis 1985 blieben die Sozialdemokraten stärkste Kraft. 1977 gründete sich außerdem die FPD und 1989 die Grünen, die inzwischen mit elf Prozent im Gemeindeparlament vertreten sind. 1981 zog die FWG mit Georgi Reitzel ins Parlament ein. Inzwischen hat die CDU den Genossen das Zepter entwunden. 2006 errang sie bei den Gemeindewahlen 46,1 Prozent, auf die Sozialdemokraten entfielen 36,1 Prozent.

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