„Elternarbeit ist für uns absolut wichtig“

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Eng ist der provisorische Essraum im Container. „Aber es ist alles Notwendige vorhanden“, sagt Mareike.

Klein-Zimmern - Etwas eng ist es im Esszimmer der Bischof-Ketteler-Gruppe und auch recht spartanisch. Ein großer Tisch steht im Raum und damit ist der auch schon voll. Wenn die Jugendlichen der Gruppe komplett zum Essen anwesend sind, reicht der Platz nicht mehr für alle Betreuer. Von Ulrike Bernauer

Dies ist zum Glück jedoch nur ein vorübergehender Zustand, denn das Ketteler-Haus, in dem die Jugendlichen normalerweise wohnen, wird von Grund auf saniert. Zur Überbrückung wurden im Hof des St. Josephshauses einige Container aufgestellt, in denen sich die Bewohner eingerichtet haben. Auch Wohnzimmer, Küche und sanitäre Anlagen sind vorübergehend hier untergebracht.

Gemütlich ist der Aufenthaltsraum der Don Bosco Gruppe. Diese Räume wurden vor rund acht Jahren saniert und umgebaut.

Joana zeigt ihr Zimmer. Es ist klein, aber das nötigste: Bett, Schrank und Tisch finden gut Platz. Die Jugendlichen haben sich mit der Übergangslösung arrangiert, die seit April und voraussichtlich bis in den September dauert. Die Temperaturen sind in den Wohnboxen dank Klimaanlage auch an heißen Tagen erträglich. Die Lärmdämmung könnte hingegen besser sein. Diandra beschwert sich über die laute Musik eines Mitbewohners in den frühen Morgenstunden. Die Gymnasiastin hat wie alle Schüler zur Zeit Ferien und würde gerne ausschlafen. Nicht ausschlafen können hingegen die Auszubildenden der zehnköpfigen Wohngruppe. Vier von ihnen absolvieren eine Ausbildung auf dem Gelände des St. Josephshauses, André als Metallbauer, die anderen drei als Gärtner. Dazu gehört Mareike. Sie lebt seit sechs Jahren im St. Josephshaus. Das ist ungewöhnlich, denn die durchschnittliche Verweildauer ist zwei Jahre. Danach ziehen die Jugendlichen in der Regel in das betreute Wohnen, in ein eigenes Zimmer oder eine eigene Wohnung. Mareike steckt noch in der robusten Hose, die sie im Gewächshaus trägt. Die Küche räumt sie nach dem Mittagessen auf, danach hat sie erstmal frei. Sie ist mit eine der Ältesten in der Bischof-Ketteler-Gruppe und beendet im nächsten Jahr ihre Ausbildung zur Gartenbauhelferin.

Ich wollte die Ausbildung hier in der Gärtnerei machen“, erzählt sie, aber es hat lange gedauert, bis das Jugendamt das bewilligt hat. Am Sonntag fährt sie nach Witzenhausen, wo sie einen der obligatorischen Lehrgänge für die Gärtnerausbildung besucht. Abel hingegen hat Ferien. Der 17-Jährige aus Eritrea wohnt seit einem Jahr im St. Josephshaus. Nach den Sommerferien wird er die neunte Klasse der Goetheschule besuchen und hofft, im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss machen zu können. Abel ist vor anderthalb Jahren auf dem Flughafen Frankfurt angekommen, als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling. Drei Monate verbrachte er in einem Heim in Frankfurt, wo es für ihn nichts zu tun gab. „Ich habe lange gewartet“, sagt er leise.

Dann kam er nach Klein-Zimmern in die Bischof-Ketteler-Gruppe und in eine Klasse der Dieburger Goetheschule, in der er vorrangig deutsch lernte. Vor dem Krieg in seinem Heimatland ist er geflohen. Seine Großmutter hat ihm geholfen, sie weiß auch, dass er gut angekommen ist in Deutschland. Aber sonst hat er keinen Kontakt zu seinen Angehörigen. Abel will in Deutschland bleiben. Am liebsten würde er Krankenpfleger lernen.

Wir haben etliche Kinder, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen“, sagt Jürgen Walther, der Erziehungsleiter der Wohngruppen und der Notaufnahme. Die meisten Jugendlichen sind allerdings von Geburt Deutsche, die vorübergehend Unterschlupf im St. Josephshaus finden. Aus ganz unterschiedlichen Gründen kommen sie in das Zentrum für Kinder- und Jugendhilfe. „Elternarbeit ist für uns absolut wichtig“, sagt Walther. „Wir wollen nicht mit dem Zuhause der Jugendlichen konkurrieren, sondern eine vorübergehende Ergänzung zum Elternhaus sein und nach Möglichkeit die Probleme, die es zwischen Eltern und Jugendlichen gibt, entspannen, wenn nicht gar lösen.“ Die meisten Bewohner, die aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen, verlassen das haus mit einer abgeschlossenen Ausbildung oder einem Schulabschluss.

Ein Zentrum für Kinder- und Jugendhilfe

Das St. Josephshaus in Klein-Zimmern wurde von Bischof Emmanuel Wilhelm von Ketteler 1864 als so genannte „St. Josephs-Knabenanstalt“ gegründet. Aus dem früher burgähnlichen Anwesen mit einem landwirtschaftlichen Betrieb wurde ein Heim für Waisen, um die sich damals niemand kümmerte. Es war von Anfang an eine Einrichtung, die schulische und berufliche Ausbildung anbot und in Form von heimeigener Schule und handwerklicher Ausbildung auch in der Einrichtung selbst bereit stellte. Seitdem hat sich die Einrichtung zu einem modernen Jugendhilfezentrum entwickelt mit stationären, teilstationären und ambulanten Jugendhilfemaßnahmen für Mädchen und Jungen. Heute leben, lernen und arbeiten hier rund 30 Jugendliche zwischen 11 und 21 Jahren in Wohngruppen. Hinzu kommen acht Plätze in der Notaufnahme und neun Tagesplätze. Manche bleiben nur einige Monate, andere bis zu sieben Jahre. Vorausgegangen ist fast immer ein Antrag der Eltern auf Erziehungshilfe beim Kreis-Jugendamt. Kinder bis elf Jahre werden extern in Familiengruppen untergebracht (45 Plätze). Jungen und Mädchen sind in etwa gleich stark vertreten. Das Zentrum bietet Berufsausbildung (Metallbauer, Tischler, Gärtner, Maler&Lackierer, Hauswirtschafterin) in Werkstätten an. Zum St. Josephshaus gehört mit der Kettelerschule auch eine Sonderschule (bis 16 Uhr). Sie wird zu einem Viertel von Schülern des Heims besucht, zu drei Vierteln mit Problemschülern aus dem ganzen Landkreis, die nicht selten mit dem Taxi zum Unterricht gefahren werden. Das Heim ist seit Jahren voll belegt.

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