Erzieherinnen machen mobil

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Claudia Göbel, hier mit Tochter Olivia (4), unterstützt die Unterschriftenaktion gegen den Gesetzesentwurf.

Groß-Zimmern - Beim Informationsabend in der evangelischen Kirche lauschten am Dienstag rund 100 Gäste mit wachsender Empörung den Beschreibungen der Auswirkungen des von CDU und FDP im Landtag eingebrachten Entwurfs für ein neues Hessisches Kinderförderungsgesetz (KiföG). Von Ursula Friedrich

„Weniger Geld, weniger Qualität“, auf diesen kurzen Nenner brachte Helga Lindner, Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte im Otzbergring, die Auswirkungen des KiföG auf ihre Betreuungseinrichtung. „keine Kindergartenleitung, keine Vorbereitungszeiten, keine Elterngespräche, Personalabbau...“, setzte sie die Liste fort.

Das Gesetz bedeute eine „unfaire Mittelung des Bedarfs für Kinderbeetreuung. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer“, sagte Pfarrer Michael Fornhoff. Betreuungseinrichtungen mit langen Öffnungszeiten, Inklusionsgruppen, Förderangeboten und hohen Qualitätsstandarts müssten verschmerzen, dass bei ihnen der Rotstift angesetzt wird.

Zehn Stunden Öffnungszeit

„Wir sind der einzige Kindergarten in Groß-Zimmern, der eine Betreuung bis 17 Uhr anbietet“, sagte Lindner. Ausgerechnet dieser Service wirkt sich dramatisch auf die Finanzierung aus. Angesichts der politisch und gesellschaftlich eingeforderten längeren Öffnungszeiten der Kitas, angesichts der Verändungen in der Gesellschaft, in der beide Elternteile berufstätig sind, klingt dies absurd.

Nach der neuen Fördersystematik ergeben sich für die evangelische Einrichtung folgende Änderungen: Derzeit werden bei täglich zehn Stunden Öffnungszeit und drei Kita-Gruppen ein Personalaufwand von 278,5 Stunden wöchentlich zugrunde gelegt. Die Personalkosten liegen bei 332. 000 Euro jährlich.

Die Kommune trägt mit 304. 000 Euro die Hauptlast der Kosten, vom Land gibt es 27. 340 Euro.

Vision 2014: Rund 100. 000 Euro Personalkosten werden nach der neuen Fördersystematik eingespart. Das Land stockt seine Zuschüsse auf 62 000 Euro auf, die Kommune wäre mit 170. 000 Euro in der Pflicht.

Verlierer der Neuerungen ist das Fachpersonal

Bei 50 Stunden Öffnungszeit wöchentlich sind die Kindergartengruppen derzeit in der Hälfte der Zeit mit zwei Fachkräften besetzt. In Zukunft wäre dann eine Doppelbesetzung nur während 2,5 Stunden täglich möglich, die Zeiten für Vor- und Nachbereitung, Feste, Ausflüge, Elterngespräche sowie die Position der Kindergartenleitung wären gestrichen. Die Gruppenstärke läge – trotz fünf Integrationskindern bei 25 (derzeit wird die Gruppenstärke bei einem Inklusionskind auf 20 reduziert). In U-3 Gruppen ist eine Gruppenstärke von 16 vorgesehen. Verlierer der Neuerungen ist das Fachpersonal, dessen Stundenplan von 278,5 auf 187,43 Stunden reduziert würde: „Wer keine Festanstellung hat, hat Pech“, sagte Lindner.

Besonders betroffen seien außerdem Familien mit auffälligen Kindern. „Die werden es schwer haben, einen Betreuungsplatz finden.“

Attraktiv macht die Landesregierung hingegen die Einstellung von Nichtfachkräften – eine Abdeckung der Betreuung durch 20 Prozent ungelernter Kräfte steht im Raum.Hier wird der Personalaufwand nur mit 50 Prozent im Personalstundenplan angerechnet.

Unterschriftenliste füllte sich zusehends

Nicht jede Betreuungseinrichtung müsste derartige Einschnitte verschmerzen, skizzierte Lindner. In Klein-Zimmers Blumenstraße ergäben sich aufgrund anderer Öffnungszeiten (bis 15 Uhr) kaum Änderungen. Hier wird zehn Kindern ab drei Jahren eine nahtloses Betreuungsangebot von 7.15 bis 15 Uhr mit Mittagessen geboten, 65 Kindergartenplätze (mit Mittagspause von 13 bis 13.30 Uhr) ergänzen das Angebot. Derzeit besuchen zwei Integrationskinder diese Einrichtung. Aufgrund dieser Vorgaben blieben in der Blumenstraße auch 2014 wöchentlich 208,25 Personalstunden.

Dass der Finanzierungsschlüssel via Landesgesetz nun längere Öffnungszeiten für Betreuungseinrichtungen unattraktiv macht und die Einstellung unqualifizierter Aushilfe propagiert, stieß auf Empörung. „Noch nie waren soviele Mütter berufstätig“, sagte Lindner. „An der Zukunft unserer Kinder dürfen wir nicht sparen!“, so der Solidaritätsaufruf Pfarrer Fornhoffs.

Eine Unterschriftenliste füllte sich zusehends. „Kein Gesetz ist perfekt“, führte Bürgermeister Grimm die Situation der hessischen Kommunen ins Feld, deren Haushalte angesichts des Hauptbatzens, den wachsenden Kosten für Kinderbetreeung, zur Folge hätten: „Die Kommunen sind total klamm.“

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