Familie aus Thessaloniki fühlt sich hier wohl

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Das Ärzteehepaar Maria Tsiakou und Theodoros Maltaris mit Tochter Dimitra Joana.

Groß-Zimmern/Dieburg - Vor gut einem Jahr sind Maria Tsiakou (35) und Theodoros Maltaris (40) von Griechenland nach Klein-Zimmern gezogen. Kurz darauf kam Töchterchen Dimitra Joana im St. Rochus Krankenhaus zur Welt. Der LA stellt die junge Familie vor. Von Gudrun Fritsch 

Ein vereintes Europa finden die beiden Ärzte gut, trotz der heftigen Krise im eigenen Land. „Seit dem Zweiten Weltkrieg herrscht Friede in Europa. Das kann nur durch die Einigung gesichert werden“, meint Maltaris. Besorgt fügt er hinzu: „Die ständig steigende Armut stärkt allerdings die Gegenbewegungen und damit vor allem die Rechtsextremen.“ Traurig blicken beide in ihre Heimat: „In Deutschland arbeiten und in Griechenland leben, das wäre ideal.“

Tsiakou verbrachte die Schulzeit in Drama und Thessaloniki. „Ich wollte unbedingt Ärztin werden“, erklärt sie, warum sie zum Studium an die Karlsuniversität in Prag ging. Anschließend machte sie in Griechenland ihren Doktor als Kinderärztin. Maltaris hat in Thessaloniki die Deutsche Schule besucht und das Abitur gemacht. „Mein Vater hat schon in Deutschland studiert. Die Schule hat einen sehr guten Ruf und bietet entsprechend gute Chancen.“ Nach dem Medizinstudium ging er nach Deutschland, wo er in Erlangen und Mainz den Facharzt der Gynäkologie mit Doktorarbeit und weiteren Spezialisierungen machte. 2010 kehrte er nach Griechenland zurück. „Ich fühlte mich auf einmal fremd, fast wie ein Ausländer und wollte wieder nach Deutschland“, beschreibt er seine Erfahrung, die intensiv von der Krise geprägt war. Rund 30.000 überwiegend gut ausgebildete Griechen seien seitdem nach Deutschland gekommen. 30 Prozent Arbeitslosigkeit herrschen in Griechenland, bei der Jugend rechnet man sogar mit über 55 Prozent. „Man kann sich hier gar nicht vorstellen, was das für die Menschen bei uns bedeutet. Die einfachen Leute haben fast alles verloren, obwohl sie hart arbeiten“, meint er.

Von Situation profitiert

Sowohl als führende Wirtschaftsmacht als auch über die Zuwanderung habe Deutschland letzlich von dieser Situation profitiert. „In der EU gibt es noch keine Gleichheit. Erst wenn diese Grundvoraussetzung erfüllt ist, ist ein vereintes Europa tatsächlich möglich.“ Solange es jedoch weiter gehe wie bisher, sterbe Griechenland einen langsamen Tod. Das Land habe an Popularität verloren, die BRD hingegen gewonnen. „Man muss hier akzeptieren, dass man auch eine Verantwortung für die Schwächeren hat“, betont Maltaris. Im Mai 2013 übernahm er die Praxis von Dr. Horst Major in Dieburg, wo er mit der syrischen Ärztin Dr. Nodda Nahawi arbeitet. Neben seiner Muttersprache Griechisch spricht er Deutsch, Englisch und Italienisch. In Europa waren die jungen Ärzte schon fast überall zu Fachkonferenzen oder als Urlauber.

Vater und Kind haben den „Doppelpass“, Tsiakou wird demnächst die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen. „Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, in einem so kleinen und ruhigen Ort zu leben“, erinnert sich Maltaris, der ebenso wie seine Frau fast immer in Großstädten wohnte. In Thessaloniki sei immer viel los, bis drei Uhr nachts seien dort noch viele Menschen unterwegs. „Aber jetzt, mit einem Kleinkind, ist das sowieso etwas anders.“ Tsiakou fehlt ein wenig die griechische Mentalität, die Gastfreundschaft und die Familie. „Das Leben bei uns ist einzigartig und ich glaube, dass sich das auch durch die Krise nicht wesentlich ändern wird.“ Derzeit ist sie mit dem Kind viel zu Hause und hat entsprechend weniger Kontakte. Aber auch sie will bald wieder arbeiten. „Die Menschen hier sind sehr nett und wir fühlen uns wohl und gut aufgenommen“, meint sie. Inzwischen sehen die beiden Klein-Zimmern als ihre zweite Heimat an.

Rassismus habe er nirgendwo erlebt

Rassismus habe er nirgendwo erlebt. Natürlich gebe es Menschen, die Fremde nicht mögen, aber Probleme hatte er keine. Im Gegenteil: „Ich finde, dass Integration hier wirklich gelingen kann“, meint er. Zahlreiche Beispiele hierfür finde er tagtäglich in der Arztpraxis.

Begeistert sind beide von der Betreuung im Kreißsaal des St. Rochus Krankenhauses. „Das sollte unbedingt erhalten werden. Besonders die Zusammenarbeit mit den Hebammen verdient großes Lob“, betont Tsiaka. Betrübt fügt die Kinderärztin an, wie schwierig es in Griechenland ist. „Die Gesundheitsversorgung ist ein riesiges Problem. Viele Menschen sind inzwischen nicht mehr versichert, weshalb Kinder oft nicht geimpft werden. Und es gibt einen Geburtenrückgang um 15 Prozent.“ Gerne hätten sich die beiden dort für eine Verbesserung eingesetzt. Das Sozialsystem sei jedoch krank. Ärzte gebe es zwar genug, aber der Staat habe versagt. „Wir könnten dort nichts tun, wären vielleicht sogar arbeitslos. Ein Überleben wäre nur mit Hilfe der Familie möglich.“

Nach über 15 Jahren in Deutschland meint Maltaris: „Heimat ist da, wo man leben und arbeiten kann“, und fügt optimistisch hinzu: „Langfristig wird die EU aus der Krise gestärkt hervorgehen, ähnlich wie die USA. Probleme führen zusammen.“

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