Beim Gickelsessen wurde das beliebte Tier auch besungen

Federvieh auf dem Teller und in Tönen

Immer im Herbst gibt’s das große Gickelsessen. Für etliche Zimmerner einer der Höhepunkte des Jahres.

Groß-Zimmern - (bea)   Die Mägen knurrten. Die ersten Styroporkisten wurden in den Gewölbekeller des Glöckelchen getragen und die Hungrigen freuten sich. Da trat Thomas Beutel vor und sagte: „Es dauert noch, ein Teil der Gickel fliegt noch.“ Endlich war es soweit und die herrlich duftenden Gickel wurden an die Gäste des Glöckelchenvereins verteilt. Und glücklicherweise flatterte keines mehr mit den Flügeln.

Einige Gäste griffen durchaus beherzt zu, nahmen den Schlegel in die Hand und schlugen die Zähne in das zarte Fleisch. „Die waren groß dieses Jahr“, stöhnte eine Esserin und blickt auf die Überreste auf ihrem Teller, die sie nicht mehr bewältigen konnte. So mancher bekämpfte das Völlegefühl im Magen mit einem Schnaps.

Vom Zimmner Hinkel mit Fillsel ging es dann zum Sprachbrücker „Roahingel“. Das war noch nicht gebraten, sondern wurde von Jürgen Poth besungen. „Oa Boa is korz, es oanner loang, defeer stejhts groad oan jedem Hoang“, so beschrieb Poth dieses ganz besondere Tier. Nicht nur für diesen Text, sondern auch für die Übersetzung von „Roahingel“, das Ackerraingeflügel, erntete der Spachbrücker viel Gelächter und Applaus.

Durchaus ernsteren Themen wandte sich Dr. Manfred Göbel, der Vorsitzende des Glöckelchenvereins, dann zu. Traditionell wird beim Gickelsessen auch immer die neueste Groß-Zimmerner Archivalie vorgestellt. In der mittlerweile zwölften Schrift hatten sich Göbel und seine Mitstreiter mit dem Thema „Die Anfänge der Kanalisation und der zentralen Wasserversorgung in Groß-Zimmern“ befasst.

Für Heiterkeit sorgte dieses Thema unter den Zuhörern schon allein durch die Zitate aus der damaligen Zeit. Den Bürgern die von der offenen Kanalisation am meisten geplagt wurden, den Bewohnern der unteren Jahnstraße und der Enggasse, wurde von Amts wegen empfohlen, „den Abwässern durch Besenkehrung eine Weiterbringung zu verschaffen“.

Über vieles staunten die Zuhörer aber auch nur. Erst vor rund 80 Jahren wurde Zimmern an die Wasserversorgung angeschlossen. Vorher schöpften die meisten ihr Wasser aus öffentlichen Brunnen. „Und deren Zustand war oft eine Katastrophe“, führte Göbel aus, „man fand mitunter tote Ratten oder Katzen in den offenen Ziehbrunnen.“ Laut einer Erhebung gab es 1927 in ganz Zimmern zehn Bäder in Privathäusern und ganze 15 Wasserklosetts.

Auf die geregelte Abwasserversorgung mussten die Zimmerner noch länger warten. Zwar wurden die ersten Gassen schon um 1900 mit Kanälen versehen, eine vollständige Kanalisierung erhielt Groß-Zimmern aber erst, als die Kläranlage im Jahr 1956 in Betrieb genommen wurde.

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