Dicke Luft soll Menschen fern halten

Auf dem Acker stinkt‘s

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Wenn"s übel riecht, ist Vorsicht angesagt: Warnschilder und dicke Luft sollen Menschen von den Versuchsfeldern fern halten.

Groß-Zimmern - Entsetzt reagierten Anwohner des Otzbergrings und des Korellwegs auf die Feldversuche des Rossdorfer Unternehmens Ibacon. Von Ursula Friedrich 

Dessen Mitarbeiter, mit Atemschutzmasken und Schutzanzügen vermummt, sind regelmäßig auf Ackerflächen zwischen Groß-Zimmern und Reinheim (Spachbrücken) mit dem Test von Pflanzenschutzmitteln beschäftigt. Das unabhängige Forschungsinstitut ist seit 1994 im Auftrag der chemischen Industrie weltweit tätig. Ibacon prüft im Zulassungsverfahren die ökotoxikologische Wirkung von Pflanzenschutzmitteln, Industriechemikalien, Tierarzneimitteln, Humanpharmaka sowie Bioziden auf die Umwelt.

Passanten erschreckte dieses Bild. Ein Radfahrer soll sich erbrochen haben. Hunde erkrankten. Was geht vor auf den Äckern bei Groß-Zimmern? „Besteht Gefahr für die Anwohner?“, „Was ist mit Radfahrern, Müttern mit Kleinkindern und Tieren?“, fragt Traute Süß aus dem Korellweg, die sich Hilfe suchend an Bürgermeister Achim Grimm wandte. 18 Anlieger signierten eine Unterschriftenliste. Spaziergänger und Anwohner klagen über gesundheitliche Probleme, berichten die aufgeschreckten Bürger.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine renommierte Firma etwas nicht gesetzeskonformes tut“, sagte Markus Römerman vom Umweltamt im Groß-Zimmerner Rathaus verwundert. Das Unternehmen prüfe doch seit Jahren chemische Mittel bei Groß-Zimmern. Im jüngsten Fall handelt es sich um ein Pflanzenschutzmittel, dessen Auswirkungen auf Bodenorganismen getestet wird, bevor das Präparat auf den Markt kommt und in der Landwirtschaft eingesetzt wird, so Alexandra Schwarz von der Firma Ibacon.

Biologe dementiert Gefahr für Bewohner

Der Versuch sei beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angezeigt und genehmigt. „Das Pflanzenschutzmittel wird auf die Gefahren für die Umwelt geprüft“, erklärte auch der Biologe und Geschäftsführer Ibacons, Dr. Ralf Petto - sein Unternehmen führt bereits seit 20 Jahren solche Versuche durch. Der Ausbringung der Mittel im Freiland gingen Laborstudien voraus. Dass sich bei der jüngsten Versuchsreihe des Pflanzenschutzmittels für den Kartoffelanbau gesundheitliche Probleme für Anwohner einstellten, sei „nicht vorstellbar“, so der Biologe. Mit einer feinen Düse sei die Substanz in die offenen Ackerfurchen eingebracht worden, diese unmittelbar verschlossen.

Dass Hunde um solche Flächen am liebsten einen großen Bogen machen, liegt am Gestank der Chemikalie, die extra mit abschreckenden Gerüchen gestreckt wird. Nicht nur bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln gelten inzwischen strenge EU-Auflagen, betont Dr. Petto - auch Arbeitsschutzkleidung ist für die im Feld tätigen Mitarbeiter Pflicht, „und müsste im übrigen von jedem Landwirt getragen werden. Er bedauerte, dass dieser Anblick Bürger erschreckte. „Wir werden künftig mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Was wir tun, ist ja kein Geheimnis. Und wir möchten niemanden gegen uns aufbringen.“

Ärger bei Gemeindeoberhaupt Achim Grimm

Recht aufgebracht war Gemeindeoberhaupt Achim Grimm in seinem Schreiben an die Ibacon GmbH. „Die Kommunikation ist ungenügend“, bemängelte er. „Man hätte die Gemeinde vorher informieren müssen, wo, was, in welchem Umfang passiert“, erklärte Grimm im Gespräch mit dem Lokal-Anzeiger. Sei die Gemeinde vorher informiert, könne sie dies an die Bürger weitergeben, unter anderem auf der Gemeindehomepage. An den betroffenen Ackerflächen waren Hinweisschilder angebracht, doch Ibaconchef Petto will nachbessern, auch ein Tag der offenen Tür des Unternehmens könnte Aufschluss geben. Bürger sind eingeladen, jederzeit in Rossdorf anzurufen.

Ob dies die Ängste lindert? Unterdessen haben Anwohner nachgeforscht, welche Chemikalie auf Zimmerns Äckern landet. Bei dem Pestizid handelt es sich um Oxamyl, wie die Ibacon bestätigte. Der wasserlösliche, leicht schweflig riechende Stoff verursache Augen- und Hautreizungen, Krämpfe, Durchfälle, Erbrechen, fibriläre Zuckungen und mehr, würde - bei oraler Aufnahme - langzeitig in den Fettzellen abgespeichert und gelte daher als Nervengift, so das Rechercheergebnis der Bürger. Für den heutigen Donnerstag hat die Ibacon GmbH einen weiteren Feldversuch in der Gemarkung zwischen Groß-Zimmern und Spachbrücken angekündigt. Getestet wird ab 7.30 Uhr ein Mittel, das gegen Schädlinge im Kartoffelanbau zum Einsatz kommen soll.

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