Fleischfüßler mögen keine kalten Zehen

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Lisa-Marie und Till blicken zum entwischten Strohsittich, der seine Flugkünste an der Decke zeigt und dann auf einem Scheinwerfer Pause macht. In der Voliere versteckt sitzen Grünzügelpapageien.

Groß-Zimmern ‐ Lisa-Marie weiß gar nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. Vor ihr im Käfig krächzen bunte Grünzügelpapageien, am Hallendach hingegen fliegt ein Strohsittich. Von Ulrike Bernauer

Der ist beim Besetzen der Käfige entwischt und genießt seine Freiheit. Er läßt sich auch nicht von Besitzer Peter Storck mit einem Kächer an langer Stange fangen, auch dass seine Partnerin verwaist in der Voliere sitzt, kann ihn nicht aus der Freiheit locken.

Der Kanarien-Vogelzucht und -Schutzverein hat Tierliebhaber zur großen Vogelschau in die Athletenhalle geladen. Lisa Marie Kritzer ist mit dreizehn Monaten wohl eine der jüngsten Besucherinnen. Sie betrachtet staunend zusammen mit ihrem Vater Torsten und ihrem Bruder Till die bunten gefiederten Sänger. Die Familie hatte früher Hund, Katze und zwei Wellensittiche. Da der zehnjährige Till jedoch eine Tierhaare und Federnallergie hat, bleibt den Geschwistern nur der kurze Ausflug in die benachbarte Athletenhalle.

250 Vogelarten von 20 Züchtern

Der entwischte Strohsittich.

Rund 250 Vögel gibt es hier zu sehen, vom bekannten Wellensittich und Kanarienvogel bis zum Exoten wie dem Rosellasittich oder zwei rosa Kakadus. 20 Züchter präsentieren ihre kleinen, fliegenden Gefährten in großzügigen Volieren, die extra für diese Ausstellung angeschafft wurden. Bis in die 50er Jahre geht der Ausstellungsbetrieb des Zimmerner Vereins zurück, wobei die Tiere anfangs in Nebenräumen von Gastwirtschaften gezeigt wurde. „Ich züchte nicht mehr“, erklärt Hans Lux, Kassenwart des Vereins. Seit er aus Zimmern weggezogen ist, hat er niemanden mehr, der die Vögel versorgt, wenn er in Urlaub fährt. Und als begeisterter Ausflügler organisiert er für die Vereinsfreunde viele Reisen. Bei Ferdy Olbrich, dem zweiten Vorsitzenden, sind Ehefrau Sigrid und Sohn Joshi die aktiven Züchter in der Familie. Sie züchten gleich etliche Arten: Strohsittiche, Schönsittiche, Ziegen- und Halsbandsittiche. „Man braucht viel Platz für dieses Hobby“, sagt Olbrich, seine Vögel hält er in Volieren im Freien. Die meisten Tiere bleiben auch im Winter draußen. „Die Käfige sind überdacht und wir heizen zu“, erklärt Olbrich, „sechs bis sieben Grad brauchen die Vögel auch im Winter“.

„Die meisten Sittiche sind Fleischfüßler“, fügt Lux an, „wenn die zu kalte Füße bekommen, dann nagen sie sich die Krallen ab, weil die bei Frost so jucken“. Die Vögel sind dann zwar verkrüppelt, können aber weiterleben und auch für die Zucht verwendet werden.

Wildfänge gibt es praktisch nicht mehr

Alle ausgestellten Tiere stammen aus Züchtungen vor Ort, denn durch das Artenschutzgesetz gibt es praktisch keine Wildfänge mehr. „Auf unseren Vogelbörsen im Frühjahr und im Herbst in der Rad- und Rollsporthalle tauschen die Liebhaber Tiere, um neues Blut in ihre Zuchtlinie zu bekommen“, erklärt Lux. Wer nachfragt, erhält viele interessante Informationen. Doch das tun nicht alle.

Die fünfjährige Kathleen bestaunt mit ihrem Vater Frank Fleischmann einfach die bunten Gefieder. Zuhause haben die Fleischmanns drei Katzen und die Zwergkaninchen Max und Moritz. Einen Vogel hat Kathleen noch nicht. Welcher ihr bei der Schau des Kanarien-Vogelzucht-  und -Schutzvereins am besten gefällt, das hat sie noch nicht entschieden. Aber schließlich hat sie bei dem großen Angebot auch noch längst nicht alle Tiere gesehen. Auch Kathleens Blick schweift immer wieder zur Hallendecke, wo sich der kleine Ausreißer weiterhin seiner Freiheit erfreut. „Am Abend, wenn es dunkel wird, dann kommt er fast von alleine“, sagt Olbrich beruhigend.

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