Formsand aus Zimmern

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Ein Blick in Zimmerns Vergangenheit: Sandgrubenbesitzer Heinrich Wörthge (links) mit seinen Mitarbeitern und den schweren Arbeitspferden.

Groß-Zimmern (ula) - „Wussten Sie eigentlich. . . ?“,Wer sein Ohr den Erzählungen älterer Mitbürger schenkt, dem öffnet sich nicht selten eine Schatztruhe voller spannender Geschichten.

„Wussten Sie, dass in Zimmern Formsand abgebaut wurde?“, fragt Jürgen Federlin, Jahrgang 1941. Als kleiner Bub hat er den schweißtreibenden Abbau des Rohstoffs miterlebt, der für die Gussformherstellung in der Industrie benötigt wurde.

Da der Begriff Formsand überaltert ist, können jüngere Zeitgenossen wenig mit der Bezeichnung anfangen und ahnen nicht, wie schwierig sich Abbau und Transport in einer Zeit gestalteten, da schwere Pferdefuhrwerke die Arbeit moderner Traktoren verrichteten. Pure Muskelkraft leistete die Dienste heutiger Bagger. „Der Formsand wurde von den Männer von Hand abgebaut und auf Pferdewagen geladen“, erläutert Federling. Dann ging es zum Bahnhof, wo der Rohstoff (ebenfalls per Hand) in offene Waggons geschippt wurde. Bis nach Österreich gelangte der tonhaltige Quarzsand, um wegen seiner hohen Temperaturbeständigkeit bei der Gussformherstellung zu dienen. Dass eine solch wertvolle Quelle in Zimmerns Gemarkung sprudelte, wurde per Zufall entdeckt.

Zuckerrüben einst per Hand gestochen

Ende des 19. Jahrhundert war der Landwirt Georg Wörthge IV bei einer Treibjagd mit einem Jagdkollegen aus Darmstadt auf der Pirsch. Als der Jagdpächter die Gesellschaft über seine Äcker führte, machte der Darmstädter Freund – Inhaber der dortigen Gießerei Eckert – den Fund: Unter den Füßen der Jäger befand sich kostbarer Formsand. Eine Bodenprobe erhärtete diese Hypothese und machte aus dem Landwirt Wörthge nun auch einen Grubenbesitzer. Das Areal bei der Schneemühle sowie ein zweites Gelände am Ober-Raumstädter Weg wurde zur Sandgrube. Über Jahrzehnte wurde nur mit manuellen Hilfsmitteln abgebaut - ein völlig normaler Vorgang. „Als ich klein war, mussten wir auch noch die Zuckerrüben auf dem Acker per Hand stechen“, berichtet Federlin von der Landwirtschaft vergangener Tage.

Max und Funny hießen die treuen Vierbeiner, die den zweiten Kräfte zehrenden Teil der Arbeit erledigten: Die schweren Fuhren zum Bahnhof zu zerren.

Arbeitspferde der ganze Stolz

Die Arbeitspferde waren der ganze Stolz von Heinrich Wörthge, der den Betrieb des Vaters in zweiter Generation fort führte. Die Firmen Merck und MAN sind bis heute große Namen, die damals auf der Kundenliste standen. Nach Schweinfurt, München und in den Taunus rollten die tonnenschweren Waggons.

Nach dem zweiten Weltkrieg hielten allmählich moderne, chemische Verbindungen Einzug in die Industrie, und der Bedarf an Formsand verebbte. Noch bis in die achtziger Jahre wurde der Rohstoff aus Zimmerns Erde geborgen. Nachdem der Abbau zum Erliegen kam, wurden die Sandgruben zum Teil als kommunale Müllgrube genutzt. Inzwischen bedeckt Muttererde die ehemaligen Gruben und das Areal wurde wieder aufgeforstet. Die Spuren des Sandabbaus sind restlos getilgt. Und zu Tage tritt dieses Kapitel Zimmner Vergangenheit nur, wenn sich ein älterer Bürger erinnert: „Wussten Sie eigentlich....?“

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