Conservenfabrik in Groß-Zimmern

Frankfurter in Dosen aus Zimmern

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„Spezialität echte Frankfurter Würstchen“: Manfred Göbel zeigt ein seltenes Fundstück, eine Karte der Conserven-Fabrik Wechsler.

Groß-Zimmern - Auf einem Plakat steht: „Metzelsuppe für 99 Pfennig, Milchkanne ist mitzubringen“. Die Suppe gibt es am Sonntag nicht beim Vortrag über Groß-Zimmerner Metzgereien, zu dem der Glöckelchenverein eingeladen hat.

Dafür können die Gäste im oberen Saal bei Brötchen mit Presskopf, Blut- und Leberwurst zugreifen. Manfred Göbel hat sich in gewohnter Art in dieses spezielle Thema eingearbeitet: Es geht um die Geschichte der Metzgereien im Ort.

Von den Fleisch- und Wurst-Fachgeschäften gab es früher viel mehr im Ort. Als Göbel am Sonntag Bilanz der aktuellen Anbieter zog, kam er nur noch auf zwei verbliebene Metzgereien. Die eine befindet sich in der Jahnstraße, die andere in der Bachgasse. Im Vergleich: Zwölf Betriebe waren 1905 im Landes-Adressbuch für das Großherzogtum Hessen/Provinz Starkenburg, Zimmern, aufgeführt. Manche Metzgerei bestand über viele Generationen, so hat die Metzgerei Dressel sieben Metzger in Folge hervorgebracht. Die überwiegend älteren Zuhörer erinnerten sich an viele davon im Ort. An eine Konservenfabrik hingegen hatte keiner eine Erinnerung. Die hat es aber tatsächlich gegeben, wie Göbel anhand einer alten Karte belegte. Gegründet wurde sie 1879 von einem Heinrich Wechsler, geschlossen wohl um 1916. Die Fabrik lag in der Angelstraße, ganz in der Nähe des Glöckelchens. „Das sieht auf der Karte so aus, als sei es ein riesen Werk gewesen“, sagte Göbel. „Das stimmt aber nicht. Der Besitzer hat angegeben wie eine Tüte Mücken“. Dennoch muss die Fabrik eine große Schlachterei gehabt haben, als Spezialität wurden Frankfurter Würstchen angegeben.

Bis 1930 hatte sich die Zahl der Metzgereien vermehrt. Im Verzeichnis der Handels- und Gewerbetreibenden von 1930 sind 15 Betriebe aufgeführt. Schon damals fürchteten die Metzger die Konkurrenz, allerdings noch nicht von den Supermärkten, die es noch nicht gab. Sie beschwerten sich darüber, dass die Hausschlachtungen überhand nahmen.

Kurios war auch eine Anzeige gegen einen Metzger, der seinen Wurstkessel als Waschkessel zweckentfremdet hatte. So mancher im Publikum fragte sich, ob die Wurst dann wohl nach Seife geschmeckt hat.

Ein rares Gruppenbild mit Metzgern hatte Göbel auch aufgetrieben. Es wurde im Oktober 1933 aufgenommen, da fand anlässlich der Reichshandwerkerwoche ein Festumzug in Groß-Zimmern statt. Der Groß-Zimmerner Lokalanzeiger hatte damals sogar eine Sonderausgabe herausgegeben.

Es gab aber auch aktuellere Aufnahmen, beispielsweise ein Foto von Erich Rapp, als er im Jahr 2 000 seine Metzgerei in der Kirchstraße schloss. Aktuell war auch ein kleines Schauspiel von Gaby Geier und Thomas Beutel, der hinter der Fleischtheke stand und immer wieder fragte: „Darf es noch etwas sein?“ Zwischendurch hechelten die beiden die neuen Geschehnisse in der Gemeinde durch.

Metzger Beutel konnte kaum ein Ansinnen der Kundin erschüttern. Auch als Geier „80 Gramm Gulasch gemischt“ bestellte, verzog Beutel keine Miene. Gemeinsam gesungen wurde auch. Mit Beutel, Göbel, Georg-Heinz und Gaby Geier stimmte das Publikum das Lied „Frankfurter Würst’sche“ an.

Ein paar Zahlen hatte dann noch der zweite Vorsitzende der Fleischerinnung Dieburg, Ewald Ritter, parat. 29 Metzgereien gebe es noch im gesamten Gebiet, wobei allerdings Filialen nicht mitgezählt seien. Es sei nicht nur schwer, junge Leute für die Ausbildung zu finden, auch beim Verkaufspersonal sehe es düster aus mit geschultem Personal. „Irgendwann kann keiner mehr Wurst machen. Dann sind wir von der Industrie abhängig“, prophezeite Ritter. (bea)

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