„Gesichter des Islam“ und ihre Geschichten

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Eröffneten gemeinsam die Ausstellung „Gesichter des Islam“ (v. l.): Werner Stoklossa, Helmut Buch, Hans Wichmann und Tom Hicking.

Groß-Zimmern ‐ „Gesichter des Islam“ sind derzeit in der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) Groß-Zimmern zu sehen. „Gesichter des Islam“ ist eine Wanderausstellung mit Info-Tafeln, auf denen Biografien von in Deutschland lebenden Muslimen in Wort und Bild festgehalten sind. Von Jens Dörr

Erdacht und erstellt wurde sie vor sechs Jahren von Theologiestudenten, erstmals gezeigt in Hannover. Auf dem dortigen Kirchentag kam Pfarrer Werner Stoklossa, zugleich Bildungsreferent des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald, mit der Ausstellung in Kontakt – und holte sie nach Hessen. Zunächst vor allem in Niedersachsen gezeigt, waren die „Gesichter des Islam“ bereits mehrfach in der Region zu sehen: in den Rathäusern Roßdorfs oder Reinheims etwa.

Nun also in der ASS. Schulleiter Helmut Buch zögerte keine Sekunde, als ihn die Frage erreichte, ob die Ausstellung nicht in der neuen Mensa der Schule gezeigt werden könne. Im Jugendzentrum sei das wegen Bauarbeiten aktuell nicht möglich, sagte Jugendpfleger Tom Hicking für die Gemeinde Groß-Zimmern. Die hatte für die Grußworte mit Hans Wichmann zudem ihren Ersten Beigeordneten entsandt.

In Zimmern leben Menschen aus 79 Nationen

Mit seinen Gedanken zur Integration eröffnete Wichmann bei der Ausstellungseröffnung den Reigen der Ansprachen, die gegen Ende des offiziellen Teils in eine hochwertige Debatte um Integration vor allem muslimischer Menschen in die deutsche Gesellschaft mündete.

In Groß-Zimmern, wo jeder achte Einwohner nichtdeutscher Herkunft ist und Personen aus 79 Nationen leben, sei es laut Wichmann neben dem Jugendzentrum vor allem der Fußball, der zur Integration beitrage. Der Träger des Verdienstkreuzes am Bande von 2008, der 1997 sogar Vizepräsident des Hessischen Fußball-Verbands war, schilderte anhand eines jedem präsenten Beispiels, dass im Fußball die überwiegend erfolgreiche Integration längst Usus ist: Im Kader der deutschen Nationalmannschaft befanden sich bei der WM in Südafrika rund ein Dutzend Spieler mit Migrationshintergrund.

„Parallelgesellschaften sind nicht wünschenswert“

Generell vertritt Wichmann die Ansicht: „Eine Bildung von Parallelgesellschaften ist nicht wünschenswert, es kann aber auch niemand Assimilation verlangen.“ Schulleiter Buch machte sich in seiner Rede Gedanken um die Bedeutung des Themas für die ASS: Dort besuchen 153 Jugendliche mit Migrationhintergrund den Unterricht, das sind 21 Prozent der Schüler. Sie kommen aus 25 Nationen.

Der weitaus größte Teil ist integriert und nimmt erfolgreich am Unterricht teil“, so Buch, der außerdem festgestellt hat: „Integrationsdefizite werde heute schärfer wahrgenommen als noch vor einigen Jahren.“ Pfarrer Stoklossa nahm sich die meiste Zeit für seine Rede, hatte aber auch allerhand anzumerken. Wichtig bei der Ausstellung, die überwiegend Biografien von Frauen zeigt, sei der Blickwinkel, den Jugendliche auf die Sache hätten. Die würden längst nicht mehr von Gedanken zur Herkunft umgetrieben, sondern sich vielmehr auf Inhaltliches in den Interviews mit den Muslimen konzentrieren.

Sahin Bulut ist ein „Gesicht des Islam“

Solche, die eine berufliche Selbstständigkeit gewagt haben oder sich stark in ihrer Familie engagieren müssten, werden bei „Gesichter des Islam“ präsentiert.

Die Schülergruppen schauen sich unter fachkundiger Anleitung die Ausstellung an, sehen ergänzend einen Film zum Thema und setzen sich intensiv mit Migration und Integration auseinander.

Eine Besonderheit der Ausstellung: An den Orten, wo sie gezeigt wird, wird sie jeweils durch lokale Biografien erweitert. So ist etwa der Dieburger Sahin Bulut ein „Gesicht des Islam“ – der 37-jährige Schlosser ist gläubig, Vorbeter in der Moschee, aber auch ehrenamtlicher Fußballtrainer beim SC Hassia Dieburg.

Es ist nicht alles nur Sonnenschein

Die Biografien der Ausstellung beschränken sich unterdessen nicht nur auf die „Integrations-Rosinen“, sondern sprechen auch Schwierigkeiten an.

Bulut etwa offenbart, dass er wegen persönlicher Diskriminierung einst einen anderen Fußballverein verließ, für den er sich zehn Jahre lang eingesetzt hatte. „Vielleicht hätte ich mehr kämpfen müssen, aber ich habe aufgegeben und den Verein gewechselt“, äußert Bulut im Interview, das in der Ausstellung zu lesen ist.

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