Historisches Gickelesse im Glöckelchen

Filsel bleibt ein Geheimnis

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Uli Rippka vom Kerbverein servierte den erwartungsvollen Gästen des „Gickelesse“ das Zimmerner Nationalgericht.

Groß-Zimmern - Was stopften Zimmerns Hausfrauen anno dazumal als „Filsel“ in den Hühnerbraten? In der Küche des Glöckelchenkellers entspann sich eine rege Diskussion. Waren es Hackfleisch, Rosinen, alte Semmeln, Kräuter, Innereien oder Speck? Von Ursula Friedrich 

Die aktuelle Variante, zubereitet von Küchenchef Klaus Richter und Gattin Anke, wurde dort mit großem Appetit verspeist. Über 50 Gäste kamen auf Einladung des Glöckelchenvereins, in dessen Jahresprogramm sich das „Gickelesse“ als Dank an Helfer, Förderer und Aktive fest etabliert hat. Denn ohne Mitstreiter, ob aktiv oder passiv, wäre die Arbeit des Trägervereins des Kulturzentrums Glöckelchen nicht zu bewerkstelligen. Weil sich der Verein Kultur, Kunst und Heimatgeschichte verschrieben hat, kann selbst ein kulinarischer Abend nicht ohne diese Zutaten bestehen.

Gickel sind heiß begehrt

Während ein Team des Kerbvereins – der im Keller des Glöckelchens residiert – erwartungsvollen Gästen eifrig Gickel mit Filsel servierte, wurde es laut. Das Schlackehäuser SaxQuintett sorgte für muntere Unterhaltung, während Küchenchef Klaus Richter weitere Erläuterungen gab. Dass der gefüllte Gickel quasi ein Zimmerner Nationalgericht ist, resultiere aus der Kultur der Zimmerner als Geflügelzüchter. Und weil das Gros der Bevölkerung arm war, „streckte“ die findige Hausfrau den Gickel mit Filsel, dessen Rezeptur an diesem Abend ein Geheimnis blieb. Im Wappen der Gemeinde ist die Gefügelkultur manifestiert. „Aber ein Gänsefuß ist es nicht“, behauptete der Küchenchef wider allgemeiner Definition. „Stimmt“, glaubt auch Manfred Göbel, Hobbyhistoriker und bis vor kurzem Vorsitzender des Glöckelchenvereins. Wessen Fuß für das ursprüngliche Wappen herhielt, darüber ließe sich nun trefflich streiten, so Göbel, der sich gerne mit Gleichgesinnten in wissenschaftlichen Disputen verlor: Darüber, welche Schreibweise eines Mundartausdrucks die richtige ist. Seit wann die erste Zimmerner Kerb gefeiert wird. Oder ob Klein-Zimmern gar vor dem großen Nachbarn gegründet wurde?

Enthüllung an der Wand

Der lokalhistorische Zweig des Glöckelchenvereins sorgte an diesem Abend für eine „Enthüllung“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein neues, großformatiges Bild ergänzt nun die (Kunst-)Sammlung an den Wänden des Kulturzentrums. Die schwarz-weiß Collage „Kriegsteilnehmer aus Groß-Zimmern“ zeigt 222 kleine Portraits ehemaliger Zimmerner Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, deren Original ins Jahr 1920 datiert. Das Bild zeige vermutlich Mitglieder der damals in Zimmern beheimateten Kriegergemeinschaft Hassia, sagte Manfred Göbel. Bereits im Frühjahr wurde die aufwendige Collage erstmals öffentlich bei einer Veranstaltung des Vereins, rund 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gezeigt.

Nun hat das historisches Dokument einen festen Platz im ersten Stock des Glöckelchens. 900 Zimmerner mussten als Soldaten im Ersten Weltkrieg an die Front. 143 Männer kehrten nicht mehr zurück.

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