Auf dem Weg der alten Bahnstrecke von Darmstadt nach Groß-Zimmern

Gleise in die Vergangenheit

Vater und Sohn am Ziel: In der Grünen Mitte befindet sich heute ein Denkmal, wo früher der Bahnhof stand.
+
Vater und Sohn am Ziel: In der Grünen Mitte befindet sich heute ein Denkmal, wo früher der Bahnhof stand.

Groß-Zimmern – Raus aus dem Haus, weg vom Schreibtisch in die warme Sonne und endlich mal wieder etwas erleben. Ich stehe mit meinem Vater Bernd Prior an der ehemaligen Haltestelle „Rosenhöhe“, dem heutigen Ostbahnhof in Darmstadt. Das Gleis, an dem noch das alte Schild mit den verschnörkelten Buchstaben steht, ist heute stillgelegt. Auch die Museumsfahrten, die das Eisenbahnmuseum Kranichstein veranstaltet, fallen coronabedingt aus.

Hier war früher die Endstation der Bahn, die von 1897 bis 1966 Groß-Zimmern und Darmstadt per Zug verbunden hat. Wir möchten den Spuren der Vergangenheit folgen und die Strecke zu Fuß erforschen. Wir laufen auf dem Trampelpfad für Wartungen neben dem Gleis los. Nur knapp 100 Meter nach dem Ostbahnhof führen die Gleise nach links und trennen sich von der Strecke nach Aschaffenburg. Ab hier ist auch kein Platz mehr neben den Gleisen, also müssen wir auf den Bahnschwellen laufen. „Das ist ein Untergrund, auf dem man sich verletzt, ohne dass man es bemerkt“, sagt mein Vater. Ich stimme ihm zu. Der Abstand der Schwellen ist zu klein, als dass wir normal joggen könnten. Zwei Schwellen sind jedoch zu weit auseinander, sodass wir uns so im Springlauf fortbewegen, was besser ist als in winzigen Schritten zu sprinten. Eine Alternative gibt es nicht. Zwischen den Bahnschwellen liegt das unebene Schotterbett, das verhindert, dass die Schienen im Boden versinken, wenn ein Zug darüberfährt. Zudem befinden sich hier noch die alten Bahnschwellen aus Holz, die nicht im Schotter, sondern darauf liegen. All dies macht den Untergrund sehr uneben. Bedeutet: viele Möglichkeiten zum Umknicken. Schon bald laufen wir durch den Wald, die B 26 können wir stets rechts neben uns hören. Dass die Strecke lange nicht mehr befahren wurde, wird immer deutlicher, denn Dornenbüsche wachsen über die Schienen, und wir müssen uns noch mehr konzentrieren, um nicht auch noch an diesen hängen zu bleiben. Trotzdem kommen wir nicht ganz ohne Kratzer davon. Kurz darauf müssen wir auch an einer Blockade vorbei, die jemand aus alten Paletten aufgestellt hat. „Hier wollten welche den Zug überfallen, wie im wilden Westen“, scherzen Papa und ich. Dann erkennen wir, wieso der Überfall nicht geglückt sein kann: Immer wieder liegen große Bäume auf den Schienen, die den Weg versperren, wodurch der Zug gar nicht erst bis zur Blockade kommen kann ... Abgesehen davon, dass der letzte Zug zur Betriebszeit der Strecke bereits 1982 gefahren ist. Der Abschnitt bis Roßdorf war hierbei länger in Betrieb als die komplette Strecke bis Groß-Zimmern. Nach etwa zweieinhalb Kilometern haben wir den Ort erreicht, an dem bis 1924 die Haltestelle „Rothes Kreuz“ war. Diese wurde, zeitgleich mit der Haltestelle „Glasberg“, die bei Kilometer 1,4 lag, vorzeitig im Jahr 1924 geschlossen. Die Überbleibsel des Bahnsteigs „Rothes Kreuz“ sind wohl mit geschultem Auge zu erkennen, jedoch ist hier so viel Gebüsch, dass wir nichts sehen. Hier wächst auch eine Tanne zwischen den Bahnschwellen hervor, die wir zum Weihnachtsbaum küren.

Nach dem Stopp „Rothes Kreuz“ wurden die Schwellen modernisiert. Zwar sind es noch keine aus Beton, doch die Schwellen aus Metall erleichtern das Vorankommen enorm. Sie haben abgeschrägte Kanten, die den Übergang zum Schienenbett ungefährlicher machen, und auch das Geröll befindet sich hier auf einer Höhe mit den Schwellen. Zwischenzeitlich sind die Steine sogar soweit mit Moos überwachsen oder mit Laub überdeckt, dass ich fast meine, wir würden auf einem normalen Pfad joggen. Wir laufen nun durch ein langes Waldstück, in dem auch die B 26 nicht mehr zu hören ist. Es fühlt sich tatsächlich wie ein Abenteuer an einem fremden Ort an, denn ohne den Lärm der Autos, mitten im Wald, auf verlassenen Schienen, denke ich nicht mehr daran, dass wir eigentlich nur ein paar Kilometer von Darmstadt entfernt sind. Auch hier liegen immer wieder Bäume auf den Gleisen, die das Gefühl vermitteln, dass die Zivilisation diesen Teil des Waldes schon lange verlassen hat. Einmal müssen wir sogar vom Schienenbett runter und die Böschung hoch, um an einer Baumkrone vorbeizukommen. Gerade als wir wieder Fahrt aufnehmen, schrecken wir einen Hasen auf, der sogleich neben uns herspringt – und um einiges schneller als wir vorankommt. Gleich hinter einem Waldweg, der plötzlich vor uns liegt, hat er uns bereits abgehängt. Angelegte Waldwege kreuzen die Schienen jetzt immer häufiger, und auch einige Hochsitze kündigen an, dass wir aus dem verlassenen Teil des Waldes herauskommen. Kurz darauf ist auch die Bundesstraße wieder zu hören, und schon laufen wir unter dieser durch, an der Abfahrt nach Roßdorf entlang. Nur einige hundert Meter später liegen neben der Strecke Gleise aufgestapelt, die noch vom Rückbau der Strecke nach Groß-Zimmern übrig sind. Gleich danach sehen wir das Bessunger Forsthaus und damit die letzte Haltestelle, die noch vorhanden ist, auch wenn diese nur bis 1960 in Betrieb war. Hier steht auch der letzte Meilenstein, auf dem die 4,2 Kilometer der Strecke angegeben sind. Danach verlaufen sich die Gleise im Gebüsch, bevor sie schließlich ganz aufhören. Wir müssen von den Gleisen runter und folgen nun einem Waldweg links davon. Endlich kommen wir wieder im gewohnten Tempo und mit der gewohnten Schrittweite voran. Trotzdem bin ich etwas traurig, denn mit den ersten Häusern Roßdorfs in der „Siedlung Bessunger Forst“ ist der aufregende Teil zu Ende. In einer Linkskurve führt die alte Bahnstrecke an Roßdorf vorbei. Wir müssen jedoch einen kurzen Umweg über den Grillplatz machen, denn das Schienenbett ist zu überwachsen, als dass wir über diesen laufen könnten, und es gibt keinen Weg, der neben diesem langläuft.

Fast am Ortsausgang erreichen wir den ehemaligen Bahnhof Roßdorf. Dieser ist heute im Besitz des Eisenbahnclubs, der eine Modellzugstrecke errichtet hat. Also können wir doch noch einmal auf Schienen laufen – auch wenn sie diesmal nur eine Miniaturversion sind. Nach dem Bahnhofsgebäude wurde die Bahnstrecke zu einem Radweg umgebaut. Auf diesem können wir wieder dem exakten Verlauf der Schienen folgen, bis wir an den ersten Häusern vorbeikommen, die heute auf der ehemaligen Strecke gebaut wurden. Kurz später befinden wir uns im Feld zwischen Roßdorf und Gundernhausen. Immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie gut zu erkennen ist, wo früher der Zug gefahren ist. Das Schienenbett ist erhalten, einziger Unterschied zu früher ist, dass nun Bäume und Büsche auf diesem stehen. So müssen wir stets einfach der Baumreihe folgen, die zwischen den Feldern steht. Nun kommen wir auch an dem Punkt vorbei, an dem früher eine Verladerampe für Basalt stand. Diese war der Hauptgrund für die Bahnverbindung nach Darmstadt: der schnelle und einfache Abtransport des Gesteins. Dieses hatte die Odenwälder Hartstein-Industrie (OHI) bis 1974 am Roßberg abgebaut. Gleich nach der Verlade-rampe kommen wir in Gundernhausen an. Hier laufen wir zwischen Fußballplatz und den Gärten der Häuser der Bahnhofstraße entlang. Es ist die zweite Stelle, an denen das Schienenbett Wohnhäusern gewichen ist. Als wir aus Gundernhausen herauslaufen, bin ich überrascht, dass wir nicht den Fahrradweg an der alten Ziegelei entlang nehmen, den ich immer mit dem Fahrrad fahre. Stattdessen folgen wir weiter der Baumreihe, die hinter dem Reiterhof entlangführt und dann in einer geraden Linie in die Groß-Zimmerner Johannes-Ohl-Straße übergeht. Jetzt geht es nur noch geradeaus, an den Kindergärten und dem Tennisplatz vorbei, am Pilsstübchen, das heute dort steht, wo die Gleise verliefen und in die Grüne Mitte. Am Denkmal des alten Bahnhofs haben wir aufgrund der Umwege etwas mehr als die 13,2 Kilometer, die die Strecke damals hatte, auf der Uhr stehen. Am Ende unseres Abenteuers ist mir klar: Man muss nicht immer weit weg, um etwas zu erleben. Auch im eigenen Garten gibt es immer neue und aufregende Dinge, die erforscht werden möchten. Manchmal muss man nur ein bisschen suchen. (Julius Prior)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare