Viele Drehorgeln erklingen für neue Orgel

Immer wieder ertönt die Hymne

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Thomas Beutel lässt das Schicksal der Hinkel keine Ruhe. Aus dem Schlaf aufgeschreckt hat er nur eine Frage an Elke Thill: „Hoste schon die Hinkel ennegedou?“. Als Erzähler fungierte Helmut Kriha.

Groß-Zimmern - Schreckliches Erwachen. Schweißgebadet und mit verzerrtem Gesicht schreckt Thomas Beutel aus dem Traum auf und schreit „Mudder, hoste schon die Hinkel ennegedou?“. Von Ulrike Bernauer

Mutter Elke Thill behält die Nerven und wiederholt zum X-sten Mal „Ja, Vadder, ich hebb se all ennegeduo. Bis uff de Gickel. “ Keiner weiß, wie oft die Besucher des Abends diese Sätze schon gehört haben, Spaß haben sie aber auch beim dem 200. Mal noch. Schließlich dreht sich der Abend um die Zimmerner Nationalhymne, und kaum einer der vielen Besucher hätte sich wohl vorher vorstellen können, aus wie viel unterschiedlichen Blickwinkeln man diese wenigen Sätze der Hymne beleuchten kann.

Otto und Otto spielten Versionen der Hymne.

Da schließt als Höhepunkt das Singspiel, das von Beutel und Thill aufgeführt wird, und das Helmut Kriha geschrieben hat, den vergnüglichen Abend ab. Beutel war natürlich nicht in seinem eigenen Bett aus dem Schlaf geschreckt, auf der Bühne lag er und Thill saß mit Strickzeug daneben. Die Bühne war so klein, für ein Doppelbett hätte der Platz nicht gereicht. Bevor Beutel in die Federn sank, hatte er noch einen veritablen Striptease hingelegt. Aus Hemd und Hose quälte er sich, um dann in Nachthemd und langen Unterhosen wieder aufzutauchen. Die Frage „Mudder, hoste schon …“ beschäftigte ihn aber schon den ganzen Abend. Nicht unberechtigt, wie Manfred Göbel schon eingangs festgestellt hatte. Hühner waren ökonomisch wichtig, bescherten sie doch das tägliche Ei und sorgten dafür, dass ab und zu auch mal Fleisch auf den Tisch kam.

Göbel kritisierte aber auch die Literaturforschung. Trotz 428 existierender Hochschulen in Deutschland habe sich noch kein Lehrstuhl mit der Zimmerner Nationalhymne befasst. Also beseitigte er diesen Missstand selbst und untersuchte die vier gewichtigen Sätze nach allen Regeln der Kunst. Zwar sei der Wortschatz nicht besonders groß, von 500 000 möglichen Wörtern kämen nur 17 in dem Text vor. Besser sei es da schon bei den Wortarten: acht von elf möglichen beinhalte das Vorzeigestück. Der Heimatforscher beschäftigte sich nicht nur mit Metrum, Rhythmus und Reimschema, er prüfte auch die Aussagekraft des Textes. Selbst einen Angriff auf die patriarchalische Gesellschaftsform wollte er nicht ausschließen, immerhin werden alle Hühner für die Nacht im sicheren Stall eingesperrt, zum Schutz vor dem Fuchs - nur der Hahn muss draußen bleiben. „Vielleicht handelt es sich hier um ein subversiv feministisches Aufbegehren“, vermutete Göbel, denn es war ja Frauenarbeit, die Hinkel am Abend in Sicherheit zu bringen.

Die Gäste der gut besuchten Veranstaltung kamen auch noch in den Genuss, die Zimmerner Hymne in englischer Sprache zu hören. Pfarrer Christian Rauch und Gemeindeschwester Rosalie waren hier die Interpreten. Claudia Unterleider stellte ihr Französisch unter Beweis und truf das umgetextete Lied vor. Zu Göbels Verdruss wagte sich keiner im Saal an Russisch, Spanisch oder Italienisch.

Göbel zauberte weitere Überraschungen aus dem Zylinder, als er der Frage nachging, wer eigentlich der Verfasser dieses weltbewegenden Stücks Musikliteratur war. Als Schöpfer der Melodie kann wohl Heinrich Reitzel, geboren am 3. Dezember 1911, gelten. Dessen Tochter Gisela Mahlerwein gab Auskunft zum Leben und Schaffen ihres Vaters. Der Verfasser des Textes hat wohl noch vor Reitzel gelebt, der ihn als Ludwig Heim angab. Heim war nicht nur Friseur, sondern auch Fleischbeschauer, Zähne hat er bei Bedarf auch gezogen, wie Ronald Lauer, der Enkel von Heim berichtete. Außerdem habe sein Großvater vielen Vereinen angehört, unter anderem habe er den Zimmerner Nasenverein gegründet, mit Sicherheit auch ein Alleinstellungsmerkmal für die Gersprenzgemeinde. Gefragt wurde auch LA-Mitarbeiterin Ulrike Bernauer. Sie hatte zuvor eine Umfrage bei Zimmerner Bürgern gemacht, wie vertraut diese mit ihrer Hymne sind. Ergebnis der nicht repräsentativen Befragung: die Alteingesessenen kennen ihre Hymne, die Zugereisten wiesen jedoch erhebliche Schwächen auf. Sogar viele Dieburger kennen die Zimmerner Hymne besser, wie sie kürzlich beim Äla-Uffweckabend unter BEweis stellten.

Den rechten Ton fanden Otto und Otto, die die Hymne nicht nur mit zwei Gitarren zum Besten gaben, sondern auch auf der Drehleier. Ans Klavier setzte sich Orgelmusiker Heinz Röhrig und begleitete Beutel bei einer Opern-Version der Hymne. Nicht live, aber über Lautsprecher konnte das Publikum noch die Version von den Kerb-Dixie-Stompers hören, die sie im Jahr 1980 eingespielt hatten. Und zuletzt leierten alle mit ihrer kleine Eintrittsorgel ein Hymnenkonzert.

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