Welle der Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft

Kisseltag erinnert an Unwetter von 1742

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Das Korn reift auf den Feldern bei Klein-Zimmern – 1742 wurde die gesamte Frucht zerstört. Bis heute, auch diese Botschaft mag in der Feier des Kissltages liegen, ist auch der moderne Mensch Naturkatastrophen ausgeliefert.

Klein-Zimmern - Im Frühjahr 1742 soll ein Unwetter mit faustgroßen Hagelkörnern die gesamte Frucht auf den Feldern vernichtet haben. Das Unglück, das als Kissel (von Kiesel)-Tag überliefert ist, soll auch Habitzheim und Spachbrücken erfasst haben. Von Ursula Friedrich

Groß-Zimmern blieb verschont. Damals sei jeder Haushalt in Klein-Zimmern mehr oder weniger von der Landwirtschaft abhängig gewesen, machte der passionierte Lokalhistoriker und Vorsitzende des Kultur- und Kerbvereins (KuK), Walter Götz, die Dimension der Katastrophe deutlich.

Mit Gottesdiensten und Prozessionen wurde der Kisseltag mehr als zwei Jahrhunderte lang in Klein-Zimmern gefeiert, immer am Freitag nach Christi Himmelfahrt. Nachdem diese Tradition in den vergangenen Jahren eingeschlafen war, ließ die Katholische Kirchengemeinde in Kooperation mit dem KuK die Erinnerung wieder aufleben. Das eigentliche Wunder des Kisseltages sei nicht das Gedenken an ein schweres Unwetter, sondern die Art und Weise, wie die Bevölkerung das Schicksal meisterte, sagte Martin Gölz. Der Diakon feierte mit der Gemeinde Gottesdienst im Gedenken an den Schicksalstag, der in der Nachbarschaft eine Welle der Hilfsbereitschaft auslöste. „Die Menschen rückten zusammen“, erzählte Martin Gölz. Aus dem völlig unbeschadeten Groß-Zimmern flossen vermutlich viele Spenden, um den kleinen Nachbarn vor einer Hungersnot zu bewahren.

Am Gleichnis vom Bettler, der durch Jesus sein Augenlicht wiedergewann, machte der Diakon deutlich, dass im Angesicht einer Katatstrophe der Blick nicht rückwärts gewandt werden sollte, um vermeintlich Schuldige aufzuspüren. „Mit Jesus wurde die Schuld abgeschafft“, sagte Gölz. Die erlebte jedoch im dunklen Mittelalter eine schlimme Renaissance, als vermeintliche Hexen als Sündenböcke für Naturkatastrophen und anderes Unglück in Deutschland herhalten mussten.

Rückblick: Kein Gewitter am Kisseltag 2012

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In Klein-Zimmern werden der Schrecken einer lokalen Naturkatastrophe, aber auch die menschliche Hilfsbereitschaft in der seit drei Jahren neu belebten Feier des Kisseltages gedacht. „Als Kind musste ich oft mit einer Prozession ins Feld marschieren und um eine gute Ernte bitten“, erinnerte sich die Klein-Zimmernerin Hannelore Wiedekind. „Am Kisseltag gab es schulfrei“, berichtete Walter Götz, „und es wurde nicht gearbeitet.“ Auch in benachbarten Gemeinden wie Habitzheim, Raibach und Kleestadt werden Kisseltage als Feiertage gewürdigt.

Vier Jahre nach dem dramatischen Unwetter über Klein-Zimmern, anno 1746, soll ein neuerlicher Hageleinbruch viele Felder im Landkreis zerstört haben – Klein-Zimmern blieb dabei jedoch verschont.

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