Künstlerin Ursula Burgdorf fertigt Werke aus Scherben

Aus Alt wird Neu in Groß-Zimmern

Vor etwa zehn Jahren hat die Groß-Zimmernerin Ursula Burgdorf begonnen, Scherben von Polterabenden in Kunstwerke zu verwandeln.
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Vor etwa zehn Jahren hat die Groß-Zimmernerin Ursula Burgdorf begonnen, Scherben von Polterabenden in Kunstwerke zu verwandeln.

Die Groß-Zimmernerin Ursula Burgdorf fertigt Kunstwerke aus Scherben von Polterabenden an.

Groß-Zimmern – Rumms! Krach! Schepper! Auf Polterabenden von Freunden, die bald heiraten, zerdeppern Menschen gerne Geschirrstücke mit kleinen oder größeren Macken. Glück soll das dem Paar bringen, und die Scherben landen dann irgendwann, wenn die zukünftig Verheirateten den Dreck wegräumen, in der Mülltonne. Nicht so bei Künstlerin Ursula Burgdorf und ihren Kunden. Die Groß-Zimmernerin macht aus den eingesammelten Trümmerstückchen Mosaik-verzierte Bilderrahmen, Herzen oder andere Erinnerungsdinge für das Hochzeitspaar. Poltermosaike nennt sie ihre Kunstwerke.

„Für solch einen Rahmen brauche ich etwa einen Schuhkarton an Scherben“, sagt Burgdorf und hält einen bunt beklebten Bilderrahmen mit den Außenmaßen 40 auf 50 Zentimeter in die Höhe. Jede kleine Scherbe sitzt akkurat neben der anderen, eingebettet in feine, helle Fugenmasse. „Ich bearbeite jede einzelne Scherbe nach. Keine kommt direkt aus dem Karton auf den Rahmen“, erklärt sie. Mit der Zange rückt sie den Porzellanteilen auf den Leib. „Knirsch und zack“ – eine unwichtige Ecke fällt weg, das gewünschte Blumenmotiv des Tellers bleibt zurück und findet seinen Weg zu den bereits festgeklebten Scherben auf dem Holzrahmen.

Seit knapp zehn Jahren fertigt Ursula Burgdorf ihre Kunstwerke in Groß-Zimmern

Vor etwa zehn Jahren hat die studierte Kunst- und Textilgestalterin mit ihren individuellen Erinnerungsmosaiken aus fröhlichen Scherbenhaufen anderer Leute begonnen. „Plötzlich war die Idee da“, meint sie lachend. Flugs habe sie sich den Namen „Poltermosaik“ als Marke schützen lassen. Deutschlandweit verschickt sie ihre Werke inzwischen. Der inhaltsschwere Karton mit den Scherben landet bei ihr mit der Post, zurück kommt der Inhalt in neuer Form, einem Wandherz zum Beispiel. Große Stücke bringt die Künstlerin manchmal sogar persönlich vorbei, wie sie verrät. „Mein Mann und ich sind Camper. Da kann man das Ausliefern gut mal mit ein paar Urlaubstagen verbinden.“

Ein Schuhkarton an Scherben braucht die Groß-Zimmernerin für solch einen Bilderrahmen. Kosten: 200 Euro.

Um bekannt zu werden, da haben ihr Hochzeitsmessen sehr geholfen. „Meine erste Messe war in Darmstadt“, sagt sie dankbar. „Dieses Jahr – noch vor Corona – war sie in Ludwigshafen und Frankfurt. Im Oktober finde hoffentlich wieder die jährliche Messe in Mannheim statt. Obwohl durch die Pandemie 80 Prozent ihrer Aufträge stagniert wurden und die Hochzeiten samt zugehörigen Polterabenden aufs nächste Jahr verschoben wurden, hatte Burgdorf einiges zu tun. „Ein Pärchen, das ich 2012 auf einer Messe kennengelernt habe, hat mir erst jetzt seine Schachtel mit Scherben geschickt, um sich daraus eine große Kugel für das Treppenhaus des neu gebauten Hauses machen zu lassen“, erzählt sie. Nur ein Paar von vielen, das beim Aufräumen plötzlich über seine alten Erinnerungsscherben gestolpert ist und nun gehandelt hat. Der richtige Moment war allem Anschein nach direkt nach der Hochzeit nicht da, vielleicht auch nicht das Geld für die zeitaufwendige Kunst. Der vorhin beschriebene Rahmen braucht immerhin vier Stunden und kostet 200 Euro. „Wäre man vor Corona lieber in den Urlaub gefahren oder ins Restaurant gegangen, gönnt man sich heute etwas Kunst“, deutet Burgdorf das Phänomen des langen Wartens.

Groß-Zimmern: Wegen Corona weniger Arbeit für Künstlerin

Trotz einiger Aufträge war vor Corona natürlich mehr los in Burgdorfs Mosaik-Atelier im Keller. „Es gab Wochenenden, da standen drei Schachteln mit Scherben vor der Tür, und ich kam aus dem Keller nicht mehr hoch“, erinnert sie sich. „Im Winter ist es dagegen ruhiger.“ Neugierig ist sie, was nächstes Jahr passiert, wenn sich zu den regulären Hochzeiten noch die verschobenen gesellen. „Die Paare weichen bei der Buchung der Feierräumlichkeiten inzwischen schon auf die Freitage aus“, erzählt sie. Auch die Künstlerin wird dann wieder kräftig zu tun haben. Am schönsten sei es, wenn Wiederholungstäter zu ihr kämen, sagt sie schmunzelnd und meint damit nicht Menschen, die dauernd erneut heiraten und ein Poltermosaik nach dem anderen wollen. Nein. Viele, die sich ein Erinnerungsstück zum großen Tag gegönnt haben, empfehlen Burgdorf weiter oder kommen als Trauzeugen für die engsten Freunde wieder. „Und das ist die größte Wertschätzung für meine Arbeit, die ich kriegen kann“, findet sie.

Man muss übrigens gar nicht richtig poltern, um ein Poltermosaik zu erhalten. „Über 50 Prozent der Paare poltern nur symbolisch“, sagt sie. Sie verleiht dazu eine hübsch bemalte Plastikwanne, in die man einen Stein legt und dann darin das gewünschte Porzellan zerschlägt. Das ist auch etwas, das während der Coronakrise gut funktioniert. Ein Paar, das eigentlich diesen Sommer auf einem Leuchtturm heiraten wollte, hat sich stattdessen lediglich standesamtlich das Jawort gegeben und wenigstens die Scherben einer Tasse mit Leuchtturm-Motiv auf einem Rahmen festgehalten. Besser als nichts – und doch irgendwie trotz allem eine schöne Geschichte. Die Künstlerin lächelt. Um an eins ihrer Werke zu kommen, muss man aber noch nicht einmal standesamtlich heiraten. Eine ältere Dame, die sich nicht von ihrem teuren, aber altmodischen Geschirr trennen konnte und es stets im Keller aufbewahrte, hat es nun gegen eine Obstschale aus seinen schönsten Bruchstücken getauscht – und den Rest endlich entsorgt. (Von Katrin Nahe)

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