„Groß-Zimmerns Kulturschaffende im Wandel der Zeit“

Kultur made in Zimmern

Auslöser war die Pandemie: Die Zimmernerin Martina Emmerich – hier im heimischen Büro – hat ein Buch mit dem Titel „Groß-Zimmerns Kulturschaffende im Wandel der Zeit“ geschrieben.
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Auslöser war die Pandemie: Die Zimmernerin Martina Emmerich – hier im heimischen Büro – hat ein Buch mit dem Titel „Groß-Zimmerns Kulturschaffende im Wandel der Zeit“ geschrieben.

Wer Kultur machen oder erleben möchte, richtet den Blick zunächst in Richtung Großstadt, wo oft eine Szene angesiedelt ist. Aber auch auf dem Land, respektive in Groß-Zimmern, gibt und gab es eine Vielfalt an Kulturschaffenden. Martina Emmerich hat dazu im Rahmen eines Stipendiums recherchiert.

Groß-Zimmern – Martina Emmerich ist keine Unbekannte in Groß-Zimmern. Hier ist sie aufgewachsen, hier lebt sie heute wieder mit ihrem Mann und dem dreijährigen Sohn im Elternhaus. Land und Leute sind ihr also bekannt – ein großer Vorteil beim Aufspüren von Künstlerinnen und Künstlern, die auf ganz unterschiedliche Weise mit Groß-Zimmern verbunden sind. Ihr Interesse resultiert aus ihrer aktuellen Arbeit: Die 44-Jährige hat ein Buch geschrieben, das Kulturschaffende der vergangenen 150 Jahre in Groß-Zimmern fokussiert, dies in Hinblick auf Kriegs-, persönliche Krisen- und Corona-Zeiten. Die Pandemie war auch Auslöser für das Projekt. Emmerich ist freischaffend, arbeitet als Journalistin und PR-Beraterin, bietet Kurse in ihrer Schreibwerkstatt an und lädt regelmäßig zu „Mordsmenüs“ und Literaturveranstaltungen ein. „Vieles ist derzeit gar nicht oder nur online möglich“, sagt sie. „Ich habe weitere Betätigungsfelder gesucht und mich mit anderen Kulturschaffenden ausgetauscht.“ Über den Deutschen Journalistenverband erfuhr die Zimmernerin von einem Arbeitsstipendium der Hessischen Kulturstiftung, das für alle Kulturschaffenden – auch für Journalisten – ausgeschrieben war.

Etwas unsicher sei sie schon gewesen, berichtet sie. Sie habe sich gefragt, ob ihr Thema wohl so spannend sei, dass es über Groß-Zimmern hinaus interessiere. Das war wohl der Fall: Emmerich erhielt grünes Licht und war seit Mitte Oktober damit beschäftigt, Künstlerporträts zu verfassen. „150 Jahre sind eine spannende Zeit, um nicht nur Kulturschaffende der Gegenwart sondern auch der Vergangenheit vorzustellen“, meint die Zimmernerin, die neben Germanistik und Rechtswissenschaften auch Geschichte studiert hat. Ihr Zweitstudium Grafikdesign kommt ihr jetzt ebenfalls zugute: Neben dem Inhalt liegt die Gestaltung des Produktes in ihrer Hand.

Die Recherche gestaltete sich zum Teil als „langwierige Detektivarbeit“, berichtet Emmerich. Sie hat die Rathausverwaltung und die Kirchengemeinden kontaktiert, forschte in Kirchen- und Familienbüchern und sogar auf Grabsteinen. Unterstützung erhielt sie dabei vom Groß-Zimmerner Ahnenforscher Georg Klober. „Habe ich einen bereits verstorbenen Künstler entdeckt, versuchte ich lebende Nachfahren zu finden“, beschreibt Emmerich. Als Beispiel nennt sie Heinrich Reitzel, Jahrgang 1911, der als Geigenspieler und Kammermusiker an der Frankfurter Oper engagiert war und über den seine in Frankfurt lebende Tochter berichtete. Als Hindernisse taten sich Verwaltungsakten auf, die derzeit restauriert werden, und der Datenschutz verbunden mit der Erkenntnis, dass immer weniger Menschen heutzutage im Telefonbuch stehen oder Nachfahren auch keine Auskunft geben konnten oder wollten. Dennoch ist Emmerich auf viele und vielfältige Kulturschaffende gestoßen. Etwa 45 Porträts sind bisher entstanden – der Maler Fritz Theo Göbel, 1906 geboren und am Frankfurter Städel Museum ausgebildet, ist Teil des Reigens. Er ist ein Beispiel dafür, dass sein künstlerisches Potenzial ihm in Kriegs- und Krisenzeiten eine Stütze war. So durfte er als Kriegsgefangener malen und seine Werke mit nach Hause nehmen, wo sie 2005 anlässlich seines zehnten Todestages im „Glöckelchen“ gezeigt wurden. Auch Wortkünstler hat Emmerich im Blick, etwa den 2018 verstorbenen Dichter Wilhelm Riedel, sowie die mit nur 45 Jahren im Jahr 2008 ebenfalls schon verstorbene Krimi-Autorin und Übersetzerin Andrea C. Busch.

Quicklebendig und trotz Corona-Pandemie sehr rührig ist die international gefragte Choreografin Gardy Pasewald, deren Spezialgebiete zeitgenössischer Tanz und kompositorische Sportarten sind. Das jüngste Beispiel mit Zimmerner Wurzeln ist Thomas Georg Blank, Jahrgang 1990. Mit dem Diplom-Künstler, der sich in San Diego (USA) mit Video-Performance-Installationen beschäftigt, hatte Emmerich per Videoanruf Kontakt. Der 200 Seiten starke Titel „Groß-Zimmerns Kulturschaffende im Wandel der Zeit“ soll noch vor Ostern erscheinen. Eine Gemeinschaftsausstellung dazu ist für Juli geplant. Ob und wie das Buch der Öffentlichkeit präsentiert werden kann, ist abhängig von der Entwicklung der Pandemie.

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