Großteil der Zimmerner Hausierer und Tagelöhner

+
In der Blütezeit ist die Armut der damaligen Groß-Zimmerner kaum vorstellbar.  

Gross-Zimmern - Nicht nur für die italienischen Gäste aus der Partnergemeinde Rignano sull’ Arno gab es verblüffende bisweilen kuriose Neuigkeiten über die Jugend der Gemeinde Groß-Zimmern.  Von Ursula Friedrich

Dr.Manfred Göbel nahm sein interessiertes Publikum jenseits des munteren Treibens auf dem Jahrmarkt der Vereine am Sonntag mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Und er enthüllte Verblüffendes. Die Wiege des Frankfurter Würstchens ist eine Zimmerner Metzgerei? Groß-Zimmern ist der kleine Ableger Klein-Zimmerns und auch noch jünger? Ein paar Zimmerner haben an der amerikanischen Verfassung mitgewirkt? „Groß-Zimmern wurde künstlich geplant, ist demnach keine gewachsene Siedlung“, so die These Manfred Göbels. „Dafür spricht die rechtwinklige Anordnung der Straßen.“ (Erstmals erwähnt wird „Cymmern“ 1250 in einer Urkunde, als die Abtei Fulda das Lehen des verstorbenen Georg von Zimmern an die Grafen Diether und Eberhard von Katzenellenbogen gab). Die Herren von Katzenellenbogen legten am Rand ihres Herrschaftsgebiets Städte an, sodass der passionierte Lokalhistoriker Göbel schlussfolgert, dass Zimmern, ebenso wie die Stadt Reinheim, ein solches künstliches Konstrukt ist.

Groß-Zimmern nur ein Ableger Klein-Zimmerns

„Im 13. Jahrhundert gab es im Ort mehrere Kleinadelige. 100 Jahre später waren sie wieder weg“, berichtete der Referent – Stadtrechte wurden Groß-Zimmern, vielleicht wegen der fehlenden adeligen Lobby, nie verliehen. Eine Gemarkungsteilung lässt nach der Hypothese Göbels außerdem den Schluss zu, dass Groß-Zimmern nur ein Ableger Klein-Zimmerns war, das sich allerdings auf das St. Josephsensemble begrenzte.

Ein Zeitsprung ins 19. Jahrhundert rückte einen Fleischfabrikanten in den Fokus rückte: Metzger Laschet, einst neben dem Glöckelchen in seiner Wurstküche aktiv, warb bei „Frankfurter“, dem Opa der gleichnamigen Würstchen, mit den Produkten aus Zimmern.

„Armentransport“ nach Amerika

Wenige Jahrzehnte zuvor war das Gros der Zimmerner nachweislich bettelarm und hätte sich eine solche Delikatesse sicher nur zu Feiertagen geleistet. Dokumentiert ist, dass „60 Prozent der Bevölkerung Tagelöhner und Hausierer waren.“ Hier staunte und raunte das italienische Publikum – Angehörige einer Delegation aus Rignano sull’Arno, die gerne mehr über die deutsche Partnergemeinde erfahren wollten.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man ein Viertel der Gemeinde in einem „Armentransport“ nach Amerika exportiert, erzählte Göbel weiter. Über die Armut der neuen Bürger entsetzt, hatte deren Landung in New Yorker Armenhäusern bei den Großstädtern letzlich gar zu einer Gesetzesinitiative und der Gründung von „Ellis Island“ geführt.

Bilder zum Jahrmarkt der Vereine

Jahrmarkt der Vereine in Groß-Zimmern

Der spannende Ausflug durch die Historie endete an der evangelischen Kirche mit einem Aufstieg zur Spitze, was den Ausflüglern einen phantastischen Blick über die Dächer der Gemeinde ermöglichte.

Kommentare