„Hauptsache ein Trikot“

Groß-Zimmern - Na gut, einmal schreiben wir den Vornamen, wie er im Ausweis steht: Für Johannes Geiß war der FSV 1919 Groß-Zimmern jahrzehntelang ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Von Jens Dörr

Damit soll’s aber schon gut sein mit dem „Johannes“: Denn den 87-Jährigen nennen bis heute alle nur „Jean“.

Jean Geiß also - und der bekam vor einiger Zeit Besuch von drei Männern des Fußballvereins. Jens Reinhard, Norbert Wurtz (beide im Vorstand) sowie Helmut Seibert (Zweiter Vorsitzender des Fördervereins) brachten Ehrenurkunde, Saftpaket und FSV-Wimpel in die Angelgartenstraße, wo Geiß mit der Schwiegertochter und den drei Enkeln wohnt. Aus einem besonderen Anlass, denn was der Zimmerner geschafft hat, ist Vereinstreue pur: Seit nunmehr 75 Jahren gehört Geiß dem FSV an.

„Für mich war der FSV der Fußballverein schlechthin, daneben gab es einfach nichts“, erinnert sich Geiß. Präzise berichtet er aus der Vergangenheit, hat wohl kaum eine wichtige Figur oder Begebenheit aus der FSV-Historie vergessen, auch wenn sein Eintritt in den Verein im jugendlichen Alter von zwölf Jahren noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs lag. In der Anfangszeit seiner Fußballerlaufbahn war Geiß Lehrbub im kaufmännischen Bereich, brachte normalerweise das Geld mit nach Hause, um damit die Familie zu unterstützen. Für ihn selbst habe das Geld fürs Gymnasium gefehlt, der Vater hatte einen Betriebsunfall.

Lohn für das erste Paar Fußballschuhe ausgegeben

Noch heute erinnert er sich an den Aufruhr , als er eines Tages vor seiner Mutter stand und ihr beichtete: „Ich bringe heute kein Geld mit heim.“ Den Lohn mehrerer Woche hatte der junge Jean nämlich stattdessen in sein erster Paar Fußballschuhe gesteckt.

Dieser „Luxus“ hatte damals natürlich weder die hypermoderne Dämpfung noch sonstigen Schnickschnack, mit dem die Sportartikelbranche heute horrende Summen für manches Produkt zu rechtfertigen versucht. Doch die Füße des jungen Jean steckten nun in einer einigermaßen angemessenen Hülle: „Ich war Beidfüßer, konnte rechts wie links schießen“, erzählt er und man schätzt den Zimmerner zu keiner Sekunde so ein, als würde er frühere Leistungen nachträglich in Heldentaten umwandeln.

Trotz Kriegsverletzung wieder auf den Platz

Auch Jens Reinhard hat sich zutragen lassen, Geiß sei früher „technisch sehr beschlagen“ und überhaupt ein guter Fußballer gewesen. Davon zeugt, dass er in der „Regimentsauswahl spielte, als er in den Krieg zog. Die Verwundung seines Oberschenkels hinderte ihn nach Kriegsende nicht, wieder auf dem Platz zu stehen.

1950 war Geiß’ Karriere dennoch beendet – in einem Spiel gegen Dreieichenhain verletzte ihn ein Schlag mit dem Ellbogen.

Doch lieber erzählt er von den Marotten des Fußballs früherer Tage, die man heute kaum noch glauben kann: „Karten gab’s nicht, Auswechslungen gab’s nicht, eine Passkontrolle natürlich auch nicht“, vergleicht der „ewige“ FSVler das Regelwerk mit heutigen Zeiten.

Spiel fiel aus, wenn kein Fußball zur Hand war

Entscheidend sei gewesen, „dass du die Uniform anhattest“. Dann habe einem Einsatz nichts mehr im Weg gestanden. Gekickt wurde indes nur, wenn der weit und breit meist einzige Fußball herausgerückt wurde – war das nicht der Fall, musste das Spiel eben ausfallen.

Geiß verfolgt auch das heutige Fußballgeschehen noch intensiv: Bis vor einigen Monaten war er sogar noch regelmäßiger Gast bei den Heimspielen des A-Liga-Teams vom FSV Groß-Zimmern. „Das Ergebnis ist heute das erste, was ich nachgucke, wenn ich montags die Zeitung aufschlage“, berichtet er. Als Eintracht-Anhänger diskutiert er beim Interview außerdem die Frage: „Wie es wohl mit dem Trainer in ein, zwei Jahren sein wird?“

Wie die Sache mit Jean Geiß heute ist, bringt Jens Reinhard auf den Punkt: „Solch ein Jubiläum erleben nur Wenige, das ist was ganz Besonderes. Und solch eine Treue zum Verein ist schlicht vorbildlich.“

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