Heimatforscher Dr. Manfred Göbel zeigt Fotos

„Schwewwelkepp“ und „Späih“

Groß-Zimmern - Wer weiß, was einst ein Zunderschwammklopfer gemacht hat? Kurioses entdeckte der Arzt und Heimatforscher Dr. Friedrich Maurer bei seinen Odenwald-Streifzügen Anfang des vergangenen Jahrhunderts auch in Groß-Zimmern und dokumentierte es in Fotos. Dr. Manfred Göbel präsentierte sie beim Seniorennachmittag der katholischen Gemeinde. Von Sabine Müller

Der Groß-Zimmerner Manfred Göbel, promovierter Pädagoge, Leiter der katholischen Edith-Stein-Schule in Darmstadt, ist quasi ein Kollege von Maurer. Wie dieser hat Göbel ein Faible für Brauchtum und Historienpflege, und in diesem Zusammenhang schon über den Heimatforscher publiziert.

Am Donnerstagnachmittag war Göbel zu Gast beim monatlichen Seniorennachmittag der katholischen St. Bartholomäusgemeinde. Nach dem Gottesdienst in der Kirche, Kaffee und Kuchen im Pfarrzentrum, waren die rund 30 Gäste gespannt auf Bilder und Geschichten ihrer Heimat, die manche der 75- bis 80-Jährigen noch vom Hörensagen kannten. Denn Dr. Friedrich Maurer – 1852 in Paris geboren, 1939 in Darmstadt gestorben – bereiste zu Erholungs- und Studienzwecken nicht nur ferne Länder. Seit 1907 durchstreifte er auch seine nähere Umgebung und brachte von seinen Wanderungen im Odenwald viele Fotos mit. Mit einer speziellen Plattenkamera – also noch ohne Film – habe der laut Göbel „Sammler vor den Herrn“ Werkzeuge und Haushaltsgegenstände ins Bild gebannt. Außerdem Berufe der Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden, die im Aussterben begriffen waren, wie etwa der Fassreifenschneider, und ihr Lebensumfeld abseits der großen Landstraßen. Insgesamt seien mehrere hunderte Fotos von Maurer erhalten, sagte Göbel. „Es gibt einen Bildband über den Odenwald vor 100 Jahren, und mich reizt, die Perspektiven der Ortschaften den heutigen gegenüberzustellen.“

Friedrich Maurer streifte vor dem Ersten Weltkrieg durch den Odenwald und fotografierte das Leben der Dörfler. Dr. Manfred Göbel zeigte Bilder, die er in Groß- und Klein-Zimmern machte.

In Klein- und Groß-Zimmern hat der Heimatforscher sich auf vier Schwerpunkte konzentriert: Als Beispiel für den Federviehhandel, für den die Gegend schon damals bekannt war, zeigte Göbel auf der großen Leinwand eine historische Aufnahme des Händlers Karl Hack aus der Beinestraße 38. „Ein gestelltes Foto“, erläuterte Göbel zum Amüsement seiner Zuhörer. „So saubere Schuhe hatte der sonst nicht an, und die Käuferin an der Haustür ist seine Ehefrau.“ Auf weiteren Bildern ist der damals gebräuchliche vierstöckige Kätzeträger zu sehen, mit dem die Hühner auf dem Rücken transportiert wurden, und der voll beladen über einen Zentner schwer war. Andere Bilder verweisen auf weitere Wirtschaftszweige, die sich aus dem Federviehhandel entwickelten, wie etwa die Bettfedernverarbeitung.

Die Arbeit der Groß-Zimmerner Kranzbinderin Elise Romig zeigte Maurer in fünf anschaulichen Fertigungsetappen. „Es wurde nicht nur der Hochzeitskranz in Auftrag gegeben“, erläuterte Göbel, „Kranzgirlanden wurden zum Beispiel bei den Sängerfesten benötigt.“ Auch von der Arbeit des Groß-Zimmerner Siebmachers Georg Stumpf gibt es eine ganze Fotostrecke, angefangen beim Siebe stricken. Eine Dynastie seien die Stumpfes gewesen, wusste der Referent, die sich über mindestens drei Generationen erstreckte und auch hausieren ging. Maurer habe dem Siebmacher wohl sein Handwerkszeug abgeluchst, um es in seinem Odenwaldmuseum auszustellen.

Mit das Kurioseste, das der Fotograf in Groß-Zimmern entdeckte, war der Zunderschwammklopfer, von denen es damals drei im Ort gab. Göbel berichtete, dass die Baumschwämme von Ungarn und Kroatien mit der Bahn angeliefert, dann in Salpeter gekocht, in Scheiben geschnitten und wie Schnitzel geklopft und gewalkt wurden. Bevor die Streichhölzer aufkamen, wurde damit Feuer gemacht, ganz feines Material wurde auch für die Wundversorgung verwandt. Später gab es in Groß-Zimmern einige Zündholzfabrikanten, was den Bewohnern den Spitznamen „Zimmner Schwewwelkepp“ eintrug. Während die Leute aus dem Nachbardorf als „Klein-Zimmner Späih“ bekannt waren: Ein – ebenfalls konstruiertes – Foto von Maurer zeigt den Schachtelmacher Valentin Sachs mit der Familie bei der Arbeit. Er wohnte anno dazumal im Haus Nr. 62, die heutige Adresse ist Geißberg 7.

Rubriklistenbild: © sam

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