Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg

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Nach dem Vortrag Göbels war die kleine Ausstellung mit den Namenslisten der Kriegsteilnehmer, der Gefallenen und Vermissten ein Publikumsmagnet.

Groß-Zimmern - Er hat es schon zum Thema einer ungewöhnlichen Büttenrede bei der Pfarrfastnacht gemacht. Wenn das die „Vorspeise“ war, kam jetzt der „Hauptgang“ in Gestalt eines neunzigminütigen, mit viel Material bebilderten Vortrags im Kulturzentrum Glöckelchen.

Dort blätterte Heimatforscher Manfred Göbel am Sonntag ein weiteres Kapitel der Zimmerner Geschichte auf: die Zeit des Ersten Weltkriegs. Der hat vor 100 Jahren begonnen, und so gibt es natürlich keine direkten Zeitzeugen mehr. Aus Perspektive der rund 80 Besucher – die meisten in den 50ern und 60ern – ging es um die Generation der Großväter. Und irgendwie natürlich auch der Großmütter, die die vor Ort verbliebene Restfamilie managen und in den späteren Kriegsjahren auch irgendwie durchbringen mussten.

Dass ab Mitte dieses vierjährigen Weltkriegs das nächtlich Betreten der Kartoffeläcker unter Strafe gestellt war, legt ebenso Zeugnis über die Versorgungslage ab wie der Begriff „Rübenwinter“. Dabei war auch in Zimmern – wie fast überall im wilhelminischen Kaiserreich – anfänglich nationale Begeisterung spürbar, auch wenn die Zahl der freiwilligen Meldungen zum Kriegsdienst weit niedriger lag als allgemein kolportiert, wie Göbel herausarbeitete. Die allermeisten Männer unterlagen nämlich sowieso der Wehrpflicht.

Etwa 3 700 Einwohner hatte die Gemeinde damals, rund 900 Männer – also ein Viertel der Bevölkerung – musste für Vaterland und Kaiser ausrücken, womit die lokale Wirtschaft zwar nicht gänzlich gelähmt, aber doch erheblich beeinträchtigt war. Es hätte ein eigenes Kapitel dieses Vortrags werden können, wie Wirtschaft und Alltagsleben von Frauen organisiert worden sind, aber mangels entsprechender Dokumente und nach dem Ableben der Zeit-Zeuginnen bleibt dafür die Datenlage zu vage.

Die Datenlage: Das ist für Göbel vor allem die Chronik der katholischen Kirchengemeinde, und er bedauert es ausdrücklich, dass es dazu in Groß-Zimmern kein evangelisches Pendant gibt. Dazu gibt es das Gemeindearchiv, es gibt Militärakten, die Namenstafeln an Kriegerdenkmälern, und es gab im Vorfeld des Vortrags mehrere Aufrufe im LA an die örtliche Bevölkerung zur Eigenrecherche in alten Ordnern, Fotoalben und auf Dachböden.

Vor allem daraus ist eine Materialsammlung entstanden, mit der Göbel nicht nur seinen Vortrag illustrierte, sondern die er auch in Teilen auf Stellwänden präsentierte. Dort spielten dann Namenslisten eine große Rolle: die Aufzählung der Kriegsteilnehmer, der Gefallenen und der Vermissten. Die Zahlen variieren ein wenig, je nach Quelle. Auf 136 Opfer kommt Göbel nach eigenen Recherchen. Ihre Berufe sind ein eigenes Dokument der Groß-Zimmerner Sozialstruktur in jener Zeit. Es dominiert ganz deutlich der Maurerberuf, gefolgt von Zimmermann und Schlosser. Vier Landwirte sind verzeichnet, ebenso viele Schreiner und Tagelöhner.

Diesen Aspekt zu verdeutlichen ist Göbel offensichtlich aber ein Anliegen: Dazu diente ihm die Statistik der Todesursachen. Die meisten der Toten sind durch Artilleriebeschuss gefallen, und was das bedeuten kann, illustriert der nicht selten vermerkte Satz: „Die Art der tödlichen Verwundung und die genaue Stunde des Todes konnten nicht festgestellt werden.“ So wird es in manchen Fällen für die Generation der Enkel keine letzte Gewissheit über den Tod des Großvaters geben. Offensichtlich ist das Interesse an solcher Aufklärung aber groß, und es ist Göbel auch ein Anliegen, die Listen weiter zu vervollständigen.

(sr)

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