„Verstrickt mit der Vergangenheit“

Wo Fäden zum Stoff zusammenlaufen

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Marion Thürmer kann den Strickautomaten bedienen. Meinrad Franz schaut ihr interessiert über die Schulter.

Groß-Zimmern - „Verstrickt mit der Vergangenheit“ heißt die Ausstellung im Rahmen der Aktion „Ab in die Mitte“, die Bürgermeister Achim Grimm zusammen mit Claudia Scheuch am Sonntag in den Räumen von Pronto Moda eröffnet. Von Ulrike Bernauer 

Marion Thürmers Augen leuchten. Sie fühlt sich an ihre Kindheit und Jugend erinnert, als sie den Strickautomaten entdeckt. Sofort erklärt sie sich bereit zu zeigen, wie die Maschine funktioniert. Wolle ist auch schnell gefunden, Dr. Claudia Scheuch zieht einen Schal auf. Kompliziert ist nur der Beginn, bis die Anfangsreihen sitzen, danach geht es ruckzuck und Thürmer hat die ersten Reihen eines winzigen Schals gestrickt. Neben einigen Ausstellungsstücken wie Stoffmusterbüchern, Spindeln oder Etiketten, die in die Kleidung genäht wurden, gibt es viele Informationen zu Strickereien und Nähereien, von denen es einst viele in Zimmern gab. Insgesamt listet ein Plakat neun textile Firmen in der Gersprenzgemeinde auf, von denen heute mit Pronto Moda nur noch eine besteht.

Bekannte Namen sind darunter wie Struwie/Wiedekind, die in den fünfziger Jahren mindestens 30 Frauen beschäftigte, wie auf einem alten Foto zu sehen ist. Die Damen bedienten die Strickmaschinen, Spezialität waren auch Socken, die Männer waren für die Einstellung der Automaten zuständig. Eine weitere Firma ist heute noch tätig. Aus der Firma Struwie unter Leitung von Georg Wiedekind wurde 1968 das Unternehmen Georg und Otto Friedrich in der Waldstraße, das mit internationalem Ruf auf Fahnenstoffe spezialisiert ist, aber auch Textilien für den Digital-Druck sowie technische Stoffe herstellt.

Geboren in der Projektwerkstatt

Scheuch erklärt die Idee für die Ausstellung. Geboren wurde sie in der Projektwerkstatt. „Man wollte sich wieder für ‘Ab in die Mitte’ bewerben, auch das erste Projekt hatte schon mit Tuch zu tun.“ Es stellte sich heraus, dass es früher viele textile Unernehmen gab, die Ausstellung des Gewerbes kann also als eine Art „Infra-Strick-Tour“ gesehen werden. „Wir haben im Rathausarchiv in alten Gewerbeanmeldungen gewühlt, wer wann was angemeldet hat“, erinnert sich Scheuch. Von den Nachkommen erhielten die Ausstellungsvorbereiter nicht nur viele Informationen, sondern auch einen Teil der Ausstellungsstücke. Einige ältere Groß-Zimmerner waren sehr auskunftsfreudig und konnten die Ausstellung mit ihrem Wissen bereichern.

Geöffnet ist montags und mittwochs von 13 bis 16 Uhr, sowie freitags von 9 bis 12 Uhr. Danach wandert die Ausstellung ins Rathaus.

Ganz praktisch sind dagegen die Erinnerungen von Thürmer: „Meine Mutter hat mit dieser Maschine früher Pullis für uns gestrickt. Die waren meistens gestreift. Die Maschine ist ganz einfach zu bedienen.“ Meinrad Franz, Miteigentümer von Pronto Moda hat die Räume der Firma zur Verfügung gestellt. „Gestrickt haben wir nie. Im Rahmen der Bekleidungsindustrie gehören wir in diese Branche, weil wir Textilverarbeitung machen. Wir sind praktisch die Weiterentwicklung einer alten Näherei von damals.“ In Groß-Zimmern werden allerdings nur noch Musterteile hergestellt, die eigentliche Produktion findet in Italien, Rumänien oder Albanien statt, nach Bangladesh vergeben die Zimmerner keine Arbeit.

Bürgermeister Grimm freut sich, dass man nun schon zum zweiten Mal in das Landesprojekt „Ab in die Mitte“ aufgenommen wurde. Von den 9 000 Euro Preisgeld, die die Gemeinde erhielt, wurde nicht nur diese Ausstellung finanziert, weitere Aktionen werden folgen. Wer die Ausstellungseröffnung bei Pronto Moda verpasst hat, kann sich noch bis Ende Juli über diesen Aspekt Zimmerner Geschichte informieren.

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