Interessante Person, aber kein Held

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Im unterhaltsamen Dialog analysierten Manfred Göbel und Gertrude Helm die Geschichte des Groß-Zimmerner Kommunisten.

Groß-Zimmern (guf) ‐ „Mein Opa war gewiss kein Held, aber eine sehr interessante Person“, sagt Gertrude Helm. Im Dialog mit Manfred Göbel, dem Vorsitzenden des Glöckelchenvereins, befasst sich die Kölnerin am Freitagabend im Gewölbekeller des Kulturzentrums mit dem Leben und Wirken ihres Großvaters Heinrich Angermeier.

Der Groß-Zimmerner Landwirt und Bäcker (1885-1945) hatte sich 1920 der KPD angeschlossen, für die er 1924 und 1927 in den Landtag des Volksstaates Hessen gewählt wurde. Angermeier, der parteiintern zum „rechten“ Flügel um August Thalheimer und Heinrich Brandler zählte, trat nach dem Ausschluss von Fraktionskollegen Heinrich Galm 1929 aus der KPD aus und schloss sich der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) an. Im Groß-Zimmerner Gemeindeparlament hatte er großen Einfluss. Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde er verhaftet und ein Jahr im KZ Osthofen gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung war er bis 1944 wieder auf seinem Hof in Groß-Zimmern tätig. Im Rahmen der Aktion Gitter wurde er im August 1944 erneut inhaftiert und ins KZ Dachau verschleppt, wo er am 22. Februar 1945 starb.

Kommunist zu sein, das war etwas ganz schreckliches“, erinnert sich Helm an die Reaktionen ihrer Mutter und Tanten auf ihr Forschen bezüglich der Aktivitäten des Opas. „Gerade das hat meine Neugier geweckt“, ergänzt die von der 68er-Revolte beeinflusste Enkelin. Während sie eher die persönlichen und familiären Hintergründe beleuchtet, konzentriert sich Göbel hauptsächlich auf die Ortsgeschichte, das Wählerverhalten und Auswirkungen der politischen Veränderungen beispielsweise bei der Benennung der Straßen: „Angermeier hat seinerzeit die Umbenennung der Bismarck- (heute Kettelerstraße) in August-Bebel-Straße beantragt und er wollte, dass bei der Wilhelmstraße der Nachname Liebknecht hinzukommt“, so Göbel heiter.

Praktische Tipps aus der Gefangenschaft

Im Gespräch - auch mit den rund 20 Teilnehmern des Abends - erläutern die beiden Hintergründe des politischen Engagements des Zimmerner Kommunisten ebenso wie dessen Wirken im Privaten und in der Gemeinde. „Meine Tanten haben ihrem Vater nie verziehen, dass er sich nach dem Tod seiner Frau nicht um sie gekümmert hat“, meint Helm kritisch. Das Bemühen, den ihr politisch recht nahestehenden Großvater besser zu verstehen, entführt in ereignisreiche Zeiten, sie sucht ihn sogar im Kreis der „Internationalen“ in Moskau.

Doch die erhaltenen Briefe aus dem Konzentrationslager bringen Ernüchterung: Bis zuletzt denkt Angermeier nicht über das Warum nach, sondern erteilt seiner Tochter lediglich praktische Ratschläge wie „Säe Sommerweizen!“

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