Internetkäufe auf Kosten der Händler

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Ende einer Ära: Das Autohaus Reitzel schließt. Für das Gebäude stehen bereits mehrere Anfragen an.

Groß-Zimmern ‐ „Wir haben keinen Konkurs angemeldet. Es ist ein geordneter Rückzug ohne Schulden. Im Prinzip ziehen wir die Reißleine bevor es zu spät ist“, sagt Heinz Reitzel. Von Michael Just

Das gleichnamige Autohaus, das in der ganzen Region bekannt ist, schließt in den nächsten Tagen. Derzeit findet der Abverkauf statt.

Die Nachricht über das Ende des Renault-Händlers wird derzeit weit über die Grenzen von Groß-Zimmern mit Erstaunen aufgenommen: Über Jahrzehnte hatte sich das Unternehmen einen Namen gemacht, die Kooperation mit dem französischen Autobauer bestand seit sage und schreibe 48 Jahren. Doch jetzt ist Schluss. Den Grund alles aufzugeben beschreibt Reitzel mit einer seit 2003/04 kränkelnden Autobranche. Von da an sei ein stetiger Rückgang feststellbar, der sich trotz Werbung und eines direkten Dialoges mit den Kunden nicht gebessert habe. „Wir haben eigentlich schon früher daran gedacht zu schließen“, erzählt der 62-Jährige.

Kann mit Internet-Preisen nicht konkurrieren

Die grundlegenden Probleme kann der Geschäftsführer direkt benennen: „Es ist das Internet, das uns und vielen anderen Autohändlern zu schaffen macht.“ Allzu oft habe er es in den letzten Jahren erlebt, dass Kunden sich zwei Stunden beraten ließen, eine Probefahrt machten und dann im Internet kauften.

Dass er mit den Internet-Preisen nicht konkurrieren kann, daraus macht der Groß-Zimmerner keinen Hehl: „Da wird doch nur vermittelt. Deshalb steckt kein großer Kostenapparat in Bezug auf Angestellte oder die Lagerung von Ersatzteilen dahinter.“ Zum Händler um die Ecke gehe es dann nur noch, wenn Reparaturen oder Garantieleistungen anstehen.

„Das ist zum Überleben zu wenig. Bei vielen Autohäusern gärt es mittlerweile, weil die die Gewährleistungsansprüche von Wägen aus dem Internet nicht mehr erbringen wollen“, erzählt der Kfz-Experte. Für ihn verständlich, denn mit den laufenden Betriebskosten sei dies nicht vereinbar. So betrugen alleine die Personalkosten beim Autohaus in der Klein-Zimmerner Straße 25 000 Euro im Monat, zusammen mit den anderen Ausgaben kamen die Fixkosten auf das Doppelte.

Auch der Hersteller trage eine Mitschuld

Der Oldtimer im leeren Verkaufsraum steht für die Tradition von Reitzel in Groß-Zimmern.

Zu Letzteren gehörten auch die Schulungskosten für die immer diffizilere Elektronik der Autos: „Das lässt sich Renault alles bezahlen“, beschreibt Reitzel und leitet so zum Hersteller-Thema über. Auch der trage eine Mitschuld, da Auflagen und Forderungen immer größer würden. Das gelte für die Zulassungszahlen genauso wie für den anderweitig nach unten gegebenen Kostendruck. „Man will und braucht uns als Händler, die Probleme an der Basis interessieren den Konzern aber nicht.“

Durch die Werkstatt seines Vaters hatte Reitzel schon als Kind Kontakt mit dem Auto. Mit 16 Jahren folgte die Kfz-Lehre, 1973 eröffnete er mit seiner damaligen Frau Ingrid das Autohaus. 1993/94 wurde ein großer, repräsentativer Ausstellungsraum angebaut. In den besten Zeiten zählte man 25 Mitarbeiter, zuletzt waren es noch zwölf.

Dank der guten Kontakte sitzt keiner von diesen nun auf der Straße, alle sind woanders untergekommen. Was mit dem alten Verkaufsgebäude passiert, weiß Reitzel noch nicht. Wie er sagt, liegen aber schon Anfragen und damit diverse Möglichkeiten vor.

Keine Sorgen muss sich der 62-Jährige um seinen Sohn machen, der das Unternehmen eigentlich hätte weiterführen sollen. Er ist in die Immobilien-Branche gewechselt. „Der wollte das sowieso nicht machen, nachdem er die Rahmenbedingungen gesehen hat“, sagt Reitzel. „Du ackerst doch nur für den Hersteller und die Banken“, gab's vom Sohn noch eine Portion Mitleid.

Von Wehmut und Verdruss keine Spur

„Um Gottes Willen“, sagt der Senior auf die Frage, ob er jetzt noch etwas anderes aufbauen will. Seine Zukunft sieht er in der Beratung.

Außerdem will er nun mehr Zeit zum Leben haben als die ein bis zwei Wochen Urlaub, die bisher im Jahr drin waren. Wer Heinz Reitzel dieser Tage trifft, erlebt einen entspannten Menschen, der von einer zentnerschweren Last befreit scheint. Von Wehmut und Verdruss keine Spur. „Der Druck ist weg“, sagt er.

In die Ferne gerückt sei das „Geiz-ist geil-Denken“, das in der Autobranche dazu geführt habe, dass der Kunde alles geschenkt haben will. Ebenso habe laut Reitzel das „Beluren“ ein Ende, ohne das heute seiner Meinung nach kaum noch ein Geschäft vonstatten geht.

Von der lokalen Politik hätte er sich ein bisschen mehr Interesse gewünscht: „Von denen ist niemals einer aufgetaucht und hat nach Sorgen oder Nöten gefragt.“ Stattdessen sei die Zahl derer, die an den „Autohaus-Topf“ rangerückt seien, immer größer geworden. Mit Naturschutzbehörde, Berufsgenossenschaft oder Innung führt er nur wenige aus diesem Bund an.

Reitzel: „Jeder hat versucht etwas rauszuziehen. Zum Schluss haben am Topf einfach zu viele gesaugt.“

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