LA-Serie: Zimmerner Geschichte und Geschichten

Jerry Cotten mit Eiskonfekt und Küssen

So unscheinbar sah die Fassade der Filmbühne damals aus. Die Aufnahme stammt aus dem Archiv des Kerbvereins.

Groß-Zimmern - „Wenn sie einen Zimmerner fragen, wo das Kali ist, weiß der das“, sagt Karl Daab. Und natürlich weiß der 74-Jährige, wovon er spricht. „Kali“ – unter diesem Spitznamen war das Zimmerner Kino „Filmbühne“ in der Jahnstraße bekannt. Und Daab wohnte direkt nebenan. Von Fabian Sell

Inzwischen ist das Lichtspieltheater seit 35 Jahren geschlossen.

Bunt und zahlreich sind die Erinnerungen, die Zimmerner mit den Kinos – der Filmbühne und den Harmonielichtspielen – verbinden.

Zum Beispiel Gaby Geier. Zarte 13 Jahre war sie damals.

Die „Lausbubengeschichten mit Ludwig Thoma“ standen an, als sie das erste Mal mit ihrem späteren Mann Georg-Heinz Geier die Filmbühne besuchte. Sie kannten sich bereits, doch „im Kino wurde es dann ernster.“

Als Nachbar des Kinos ist Daab in Erinnerung geblieben, wie attraktiv eine solche Kinovorführung damals war. „Wenn hier kein Kino war, war kein Mensch auf der Straße“, sagt er, und betont: „Aber wenn eine Aufführung zu Ende war, kamen 100 bis 200 Leute aus dem Kino.“

Für jene Besucher war das Lichtspieltheater oft mehr als nur berieselnde Unterhaltung. So gingen Gaby und Georg-Heinz Geier immer sonntags zusammen mit Freunden ins Kino, immer um 16.30 Uhr. Und immer gab es bei „Georgi“ vorher Pommes – für 80 Pfenning.

Im Saal der Filmbühne hatten Paare ihre festen Plätze. „Dann wurde auch geguckt, wenn jemand nicht da war“, sagt Gaby Geier, die sich an ihren Stammplatz noch erinnern kann: „Wir saßen in einer der hinteren fünf Reihen, ganz links außen.“

Ohnehin waren die hinteren Reihen begehrt: Denn dort konnten es sich die Kinobesucher in gepolsterten Sitzen gemütlich machen. Das heute typische Popcorn fehlte aber ebenso wie die Getränke. „Es gab nur Mamba und Eiskonfekt“, sagt Geier.

Doch die Unterhaltung stimmte. „Bei den Jerry-Cotten-Filmen saß die ganze Jugend im Kino und hat die Melodie mitgepfiffen, wenn er es mal wieder geschafft hat.“

Doch die schönen Zeiten der Zimmerner Kinos, die im Rückblick besonders glänzen, währten nicht ewig.

Zunächst seien die Lichtspieltheater nach dem Krieg „das Unterhaltungsmedium überhaupt“ gewesen, erinnert sich Daab. Zwei Kinos gab es damals im Ort: die Filmbühne in der Jahnstraße und die Harmonielichtspiele in der Dieburger Straße – dann kam das Fernsehen.

„Am Anfang gab es vielleicht 10 bis 20 Fernsehapparate in Zimmern“, sagt Daab, und fügt hinzu: „Aber die Krönung der Queen Elisabeth und die Fußball WM 54 waren Gründe, dass man sich so einen Kasten geleistet hat.“

Das Unterhaltungsmonopol der Kinobetreiber war gebrochen. Filme flimmerten nun auch in den eigenen vier Wänden über den Bildschirm. Hinzu kam später die Konkurrenz durch die Darmstädter Kinos. Denn diese hatten zwei entscheidende Vorteile: Erstens liefen dort mehrere Filme (im „Kali“ lief einer) und zweitens liefen sie früher. Insofern sind Gaby und Georg-Heinz Geier mit dem Auto auch mal nach Darmstadt gefahren, um sich dort einen neuen James-Bond-Film anzusehen.

Der 1. Oktober 1978 war der Tag, an dem die Betreiber der Familie Mager das Kino offiziell abmeldeten. Die Ursprünge des zunächst ungewöhnlich klingenden Spitznamens „Kali“ sind letztlich plausibel: Denn bevor die Familie Mager das Kino einige Jahre nach dem Krieg eröffnete, hatte es unter den Vorbesitzern den Namen „Kammerlichtspiele“. Daraus wiederum wurde der Name „Kali“ abgeleitet.

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