Kaffeefahrt vom Verein bel(i)ebt Groß-Zimmern

Relikte aus vergangenen Zeiten

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Die Arbeit in den Strickfabriken ist Frauendomäne, das lernen die Teilnehmerinnen der Kaffeefahrt. Eine Strickmaschine und ein Nähkasten sind Relikte der zahlreichen Strick- und Wirkwarenfabriken, die einmal in Groß-Zimmern bestanden.

Groß-Zimmern - Zu einer ganz besonderen Rundfahrt durch Zimmern hatten sich am Samstagnachmittag nur Damen eingefunden. Das Thema Strick- und Wirkwaren hat offensichtlich auf das männliche Geschlecht wenig Anziehungskraft. Von Ulrike Bernauer 

Damit setzt sich aber auch die Geschichte fort: In den zahlreichen Fabriken, in denen aus Fäden Kleidungsstücke hergestellt wurden, arbeiteten in der Regel Frauen.

Der Verein Bel(i)ebt Groß-Zimmern hatte zur Kaffeefahrt, die an die Orte der Fabriken der Strick und Wirkwaren führte, eingeladen. Aus dem Bus heraus sahen die Teilnehmerinnen dieser besonderen Rundfahrt zahlreiche Gebäude, in denen früher Stoffe oder Strickwaren gefertigt wurden, fast alle haben inzwischen ganz andere Funktionen.

In der Lebrechtstraße stiegen die Damen aus dem Bus und so manche staunte. Vor einem kleinen Häuschen hielt Führerin und Moderatorin Dr. Claudia Scheurich an und wies auf das Schild hinter sich. Von 1955 bis 1970 produzierte hier die Firma Reiter Socken und Oberbekleidung. Mit drei Mitarbeiterinnen wurde hier produziert, damit war die Firma Reiter wohl eine der kleinsten Firmen.

Weiter ging es zur Firma Pronto Moda, eine der zwei Firmen, die sich bis in die heutige Zeit gerettet hat und noch immer produziert, auch wenn sie die Produktion in großen Teilen ausgelagert hat. Aber einige Arbeitsschritte wie Entwürfe und Konfektionierung finden immer noch in Zimmern statt. Die zweite „überlebende“ Firma ist Georg Otto Friedrich, die inzwischen aber zum Weltmarktplayer aufgestiegen ist und ihre Fahnenstoffe aufgrund der außerordentlich guten Qualität in alle Herren Länder verkauft. Ein Zeichen der Prosperität der Firma zeigte Hans-Peter Wejwoda. Friedrich hat vor kurzem das ihrem Produktionsstandort gegenüberliegende brachliegende Gelände in der Waldstraße gekauft, um die Produktion noch erweitern zu können.

Firmen werfen das Handtuch

Die anderen Firmen haben mittlerweile alle das Handtuch geworfen, verdrängt von der billigeren Konkurrenz in fernen Ländern. Auch wenn sie teilweise schon früh gegründet wurden, die älteste war wohl die Firma Dreyfuss, die die Arbeit 1767 aufnahm. Vielen Frauen boten die Fabriken Arbeit, beispielsweise auch von Rundfahrtsteilnehmerin Hannelore Bauer. Ihre Mutter arbeitete bei Göbel.

„Sie hat da über 27 Jahre geschafft, es gab damals wenig Arbeitsmöglichkeiten. Meine Mutter hätte gerne Erzieherin gelernt, aber damals musste man noch bezahlen, wenn man was lernen wollte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als in die Fabrik zu gehen“, erzählte Bauer. „Als sie angefangen hat, ist sie zu Leuten nach Hause gegangen und hat für fünf Mark den Nachmittag geflickt, da gab es in der Fabrik dann doch mehr.“

Dass die Frauen für die Fabriken wichtig waren, sieht man auch daran, dass die größeren Firmen schon früh Betriebskindergärten hatten. Die wenigen Männer, die in dieser Branche arbeiteten, kümmerten sich in der Regel um die Maschinen, erläuterte Scheurich.

Ihren Abschluss fand die Kaffeefahrt am Samstag im Jugendzentrum, wo in einer Ausstellung noch einmal alle angesprochenen Fabriken auf Plakaten aufgeführt waren. Die interessierten Damen konnten auch Strickmaschinen sehen oder andere Utensilien aus den ehemaligen Fabriken. Wer sich für das Thema interessiert, ab Mittwoch, 17. September, liegen die Informationen zu den textilen Produktionsstätten im Rathaus zur Einsicht für alle Bürger aus.

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