Kurs nach dem Konzept von Ernes Erko Kalac an der Bischof-Ketteler-Schule

Karate-Kampfkunst im Unterricht

Seit Schuljahresbeginn leitet Mohammed Abu Wahib (links) ein Karate-Projekt an der Bischof-Ketteler-Schule. Er will gleichermaßen Respekt, Disziplin aber auch Selbstbewusstsein zu vermitteln. Foto: Just

Klein-Zimmern - Als Justin die Sporthalle betritt, macht er erstmal eine Verbeugung. Es wird nicht die letzte sein: Wie bei seinen Mitschülern werden die Ehrfurchtsbezeugungen immer wieder Teil des Projektunterrichts sein. „So wollen wir Regeln und Disziplin lernen. Von Michael Just

Damit tun sich einige schwer“, erzählt Kursleiter Mohammed Abu Wahib.

Seit Beginn des Schuljahres läuft ein klassenübergreifendes Karate-Projekt an der Klein-Zimmerner Bischof-Ketteler-Schule (BKS), einer Einrichtung für Erziehungshilfe mit rund 50 Schülern. Da die Kinder meist aus schwierigen Elternhäusern kommen, wird in kleinen Gruppen agiert. „Die Kinder brauchen Aufmerksamkeit und auch mal ein Lob, das sie zuhause nur selten erhalten. Dazu muss Zeit sein, auf ihre Probleme und psychischen Befinden einzugehen“, sagt Abu Wahib. Das Projekt ist mehr als nur Sport. Hier wird fürs Leben gelernt.

Der Kurs kam durch den Kontakt von Lehrer Andreas Collin zum Eppertshäuser Ernes Erko Kalac zustande. Kalac hat vor neun Jahren den Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus gegründet. Dessen Ziel: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund über den Sport zu integrieren. Der Verein holte Kinder von der Straße, erreichte sportliche Titel auf europäischer Ebene und wurde sogar vom Bundespräsidenten geehrt.

Das Karate-Konzept von Kalac kanalisiert überschüssige Kräfte, ersetzt Selbstzweifel durch gesundes Selbstbewußtsein und fördert Respekt als wichtige Grundlage asiatischer Kampfkunst. Collin war sich sicher, dass sich das auch auf seine Erziehungshilfe-Schüler übertragen lässt. Wie er sagt, sei die Arbeit an der BKS nicht einfach: „Viele Schüler müssen erst lernen, ihre Bedürfnisse zurückzustellen und verstehen, dass sie nicht immer sofort an der Reihe sind.“

Was im Unterricht oft eine Katastrophe sei, funktioniere plötzlich im Karatekurs. Der verfolgt gleich mehrere Ziele: Einerseits sollen die Schüler Disziplin lernen, anderseits ihren bisherigen Lebensweg überwinden, der ihnen oft eine Opferrolle zuschrieb.

„Mit dem nötigen Selbstbewußtsein wollen wir, dass sie sich im Leben zurechtfinden“, so Collin. Für diese Ziele ist Karate laut Abu Wahib mit der beste Wege. „Leider wird die Sache durch Bruce Lee oft verkannt“, bedauert er. Man forme hier keine Schläger. Während der Boxer lerne durchzuziehen, heiße die Botschaft beim Karate „ich könnte dich treffen, will es aber nicht“. So gehe es um die absolute Kontrolle von Kraft und Energie.

„Deshalb ist Karate eine Kampfkunst“, weiß der Sportpädagoge.

Den größten Fortschritt in den letzten Monaten machte der elfjährige Justin, der nun in der Sportschule von Abu Wahib in Höchst kostenlos mittrainiert und sogar schon an einem Wettkampf teilnahm. „Er hat endlich etwas gefunden, woran er Spaß hat und nicht nach zwei Tagen aneckt, aufhört oder rausfliegt“, bringt es Collin auf den Punkt. „Viele haben sich auch die restliche Schulzeit besser im Griff“, ergänzt Schulleiterin Annette Meißner. Und mit Justin, dem einstigen „Verweigerer“, habe sie sogar ein anderes Kind bekommen. Zudem zeigten viele Eltern aufgrund des Projekts ein verstärktes Interesse an der Entwicklung von ihrem Nachwuchs.

So stimmten kürzlich fast alle der Finanzierung von Karate-Anzügen zu. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Sache ein so schnelles Ergebnis bringen würde“, zieht Meißner erstaunt Bilanz.

Kommentare