Feuchtfröhliche Tradition

Rot-weiß tauft rot-weiß: 150 Kerbbegeisterte dabei

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Bei der Kerbtaufe musste der Kerbborschte-Jahrgang 1997/98 die Zähne zusammenbeißen.

Groß-Zimmern -  Samstag, es geht auf 14 Uhr zu, und durch die Angelstraße zieht ein Trupp rot-weißer Kerbborschte, mit vielen Utensilien, überwiegend flüssigem Proviant und einer rot-weißen Kostümierung mit dem Schriftzug „Baywatch“.

Das alles weist auf bereits auf das feuchtfröhliche Vergnügen hin, das auf dem Programm steht: die Taufe des rot-weißen Kerbborschte-Jahrgangs 1997/98 in der Gersprenz. „Wer oamoal in de Gerschbrenz woar, den bringt sou schnell nix um“, haben die Heimatbarden Otto+Otto gedichtet, und sie sangen auch: „Zimmner Blut is koa Buddermilsch“. Wenn letzteres stimmt, ist das gut so, denn der Dauerregen der vorangegangenen Tage ist zwar vorbei, aber Sommer geht anders, und das Bad im Odenwald-Flüsschen verspricht nicht gerade eine angenehme Erfrischung zu werden. Die Rot-Weißen des Jahrgangs 1994/95 sind die Taufpaten der aktuellen Rot-Weißen. Farbe zu Farbe, so will es die Regel für ein Ritual, das es noch gar nicht so lange gibt und dass die Groß-Zimmerner Kerb, das Fest aller Feste in der Gersprenzgemeinde, zwar nunmehr seit mindestens 526 Jahren gefeiert wird – wie wir aus einem Urkundenfund von Helmut Kriha wissen – seine Lebendigkeit aber immer wieder mit Veränderungen, Neuerungen unter Beweis stellt.

Mit den rot-weiße Baywatch-Taufpaten sind etliche Kerbbegeisterte unterwegs zum Holzsteg über die Gersprenz, den einfachste Zugang zum „Gailsloch“, einer Mulde unterhalb der Untermühle, in der früher einmal die Pferde gebadet worden sind. Auf dem Ostufer, wo sonst Gänse den Passanten hinterherzischen, hat sich schon eine beachtliche Menschenmenge versammelt.

Die 18 Rot-Weißen des Jahrgangs 1997/98 – Alexander Kunkel, David Fornoff, Dominik Reck, Henrik Bischoff, Jannik Klober, Joshua Buchsbaum, Julius Klittich, Justus Bienert, Kevin Illert, Luca Steinbeck, Marvin Albers, Maximilian Müller, Maximilian Wiedenmann, Mirco Obertshauser, Paul Keil, Sebi Pop, Tim Henrich, Tom Opel – haben sich nahe am Ufer versammelt, die Arme über die Schultern gelegt, machen sich Mut für den Schritt ins kalte Nass, und haben sich der Schmährufe des grün-weißen Vorgänger-Jahrgangs zu erwehren. Auch solch gegenseitiges Necken hat längst Tradition und wird sicher wieder bei der Abholung der Kerbbobbe am Samstagabend, 26. August, am „Briggelsche“, also am Ende der Dieburger Straße, zu erleben sein.

Bilder zum Abschluss der Kerb

Zunächst aber tauchen die Taufpaten im Wasser auf – eingehüllt in Rauch von bengalischem Feuer und johlend begrüßt von den 150 Besuchern, die inzwischen die aufgeweichte Gänsewiese platttrampeln. Dann wage auch die Täuflinge den großen Schritt du postieren sich im Halbkreis vor ihren Paten. Lars Pullmann, Kerbvadder von 2014, hält eine Rede, die angesichts etwas krächzender Stimme und der allgemeinen Lärmkulisse nicht immer verständlich ist. Es geht um eine Reihe von Prüfungen, denen die Täuflinge unterzogen worden sind, und um eine letzte: Jeder der „Täuflinge“ muss einen Schluck aus einer Flasche trinken, auf der zwar der Name eines Markenweinbrands draufsteht, die trüb gelbliche Flüssigkeit aber Schlimmeres vermuten lässt.

Das Ritual beginnt mit dem Aufruf des ersten Täuflings. Er bekommt zunächst mit einer gersprenz-getränkten „Trutschelkapp“ einen triefenden Ritterschlag auf beide Schultern, dann gießt ihm Aileen Henrich, das „Kerbmädsche“ von 2014, aus einem Bembel einen Schwall Gersprenzwasser über den Kopf, und – dem nicht genug – sorgt am Ende Kervadder Pullmann noch für eine kurze Ganzkörper-Begegnung mit dem kühlen Flüsschen.

Das Ritual zieht sich hin, und die schmächtigste unter den Täuflingen fangen längst an, vor Kälte zu bibbern. Trotzdem fällt das Nippen an der Flasche sehr zurückhaltend aus, und anders als in manchen Vorjahren wird den Täuflingen auch nicht zwangsweise etwas eingeflößt. Nur die Grün-Weißen machen sich über den mäßigen Alkoholkonsum lustig. Am Ende dürften Täuflinge wie Paten dann an einem Tag wie diesem ungeachtet aller Vorfreude auf die nahende Kerb froh gewesen sein, das Gailsloch wieder verlassen zu können. (sr)

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