Erinnerungen: Vor 60 Jahren verließ Karin Spangehl ihre Heimat Eichenholz-Truhe mit Habseligkeiten von damals im Keller

Klein Odenwald in Kanada

Vor 60 Jahren ist Karin Schreiber nach Kanada ausgewandert. Mit ihrem Mann Erhardt Spangehl bekam sie drei Kinder. Die inzwischen weiter gewachsene Familie Spangehl trifft sich jährlich auf der Cottage am Katepwa See, dem „Klein Odenwald“. Foto: p

Groß-Zimmern/Kanada - 60 Jahre sind es nun her. Karin (Katharina) Spangehl, geborene Schreiber, kann sich noch genau an die Silvesternacht des Jahres 1951 erinnern. Von Pfarrer Markus W. Konrad

Es war der Tag ihres Abschieds von Groß-Zimmern. Ihre älteste Schwester, Helene Heuß, hatte sie mit der Bahn vom Heimatort bis zum Frankfurter Hauptbahnhof begleitet. Von dort ging es alleine weiter, zunächst bis nach Bremerhaven, um am späten Silvesterabend mit einem Passagier-Schiff in See zu stechen. Das Ziel war Kanada, die neue Welt.

Sie hatte die Hoffnung, dort ein Leben zu beginnen, wie sie es sich seit Jugendtagen erträumt hatte: glücklicher, freier und offener als das Leben in ihrer immer noch in Trümmer liegenden deutschen Heimat.

In eine Eichenholz-Truhe, die heute noch im Keller ihrer Cottage am Katepwa-See steht, hatte sie alle ihre Habseligkeiten verpackt: insbesondere viele Bücher, denn sie liebt das Lesen, ein Federbett, und zudem einen Wollstoffmantel, den ihre Eltern ihr eigens aus einer Wolldecke anfertigen ließen. Mit diesem Mäntelchen sollte Karin der bitteren Kälte der neuen Welt widerstehen.

Vierzehn Tage sollte sie erfahren, was es heißt, der Meeresgewalt ausgeliefert zu sein. „Es war als säßen wir in den Weiten des Meeres in einer Nussschale“, erinnert sie sich.

Vierzehn Tage plagte sie die Seekrankheit, doch als sie in Halifax an Land ging, waren diese Beschwerden wie weggewischt. Das Abenteuer des neuen Lebens forderte sie ganz, ließ sogar keine Zeit mehr für Heimweh.

Fasziniert hatte sie der Gedanke auszuwandern schon von Jugend auf. „Ich wollte der Enge entfliehen“, erinnert sie sich. „Deutschland war eine Trümmerwüste, das konnte ich nicht mehr ertragen.“ Die anfängliche väterliche Faszination für das erstarkende Deutschland nach 1933 hatte sich seit der Reichsprogromnacht 1938 schlagartig gelegt. Man hatte sich seither - wie viele andere auch - ganz auf die Familie zurückgezogen.

Zweimal musste sie als junge Frau während des Krieges die Erfahrung machen, ausgebombt zu sein - zunächst während ihrer Ausbildung im Alice-Hospital in Darmstadt, dann als sie bereits OP-Schwester im St. Josefs Krankenhaus in Gießen war. Der von den Deutschen entfesselte „totale Krieg“ war auf deutschen Boden zurückgekehrt und die nicht mehr eindämmbare Dynamik der Gewalt machte auch vor den Kliniken und Krankenhäusern nicht Halt. Auch persönlich hat der Krieg Spuren in ihrem Leben hinterlassen. Ihre Schwester Helene wurde Kriegswitwe und sie selbst verlor einen Freund, mit dem sie sich im Stillen Pläne für eine gemeinsame Zukunft ausgemalt hatte.

Während um sie herum nach dem Krieg langsam der Wiederaufbau begann, fasste sie den Entschluss, ihrer Heimat „Lebewohl“ zu sagen. Sie träumte von Südafrika, Australien oder Kanada. Sie lernte Englisch, um in der Fremde auch sprachlich gewappnet zu sein. Und sie erfuhr, dass eine ihrer Schwesternkolleginnen den gleichen Entschluss gefasst hatte.

Im Frühjahr des Jahres 1951 stieß sie bei der Lektüre einer Schwesternzeitung auf eine Anzeige. In großen Lettern stand zu lesen: „Kanada braucht Schwestern!“ Nun war es soweit: Aus einem vagen Entschluss begann Realität zu werden.

Sie stellte sich in einem Vermittlungsbüro in Karlsruhe vor und wurde tatsächlich ausgewählt. Die Vermittler hatten auch konkrete Vorstellungen, wo die neu angeworbenen Krankenschwestern zum Einsatz kommen sollten: Saskatchewan - also mitten in der Prärie.

Für die Eltern war es ein bitterer Moment, als Karin ihre schon konkreten Pläne offenbarte. Sie war die jüngste der drei Töchter.

Der Vater war sich sicher, dass er seine Tochter nach ihrer Auswanderung nie wiedersehen werde. Die Mutter sagte einen Satz, der in ihr bis heute nachklingt: „Na mein Kind, wenn du meinst, du musst das tun?!“ Man konnte sich die Distanz von Groß-Zimmern nach Kanada eben nicht vorstellen. „Es war, als würde man zum Mond gehen“, sagt Karin Spangehl.

60 Jahre sind seit dem tränenreichen Abschied in der Dieburger Straße in Groß-Zimmern nun vergangen.

Die Prophezeiung des Vaters ist nicht eingetreten. Karin Schreiber hat ihre Eltern noch mehrfach per Flugzeug besuchen können, und sie Anteil nehmen lassen an ihrem Leben in der neuen Welt.

Geheiratet hat sie in Kanada einen Deutschen: Erhardt Spangehl, den es aus ähnlichen Motiven wie sie von Ostpreußen über Braunschweig nach Kanada gezogen hat. Drei Kindern haben die beiden das Leben geschenkt. Und das Schönste für Karin und Erhardt Spangehl sind die jährlichen Treffen in ihrer mittlerweile großen kanadischen Familie auf der Cottage am Katepwa See.

Dem kleinen idyllischen Fleckchen Erde haben sie sogar einen Namen gegeben: „Klein Odenwald.“

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