Brisante Lage

Hebammen fürchten das Aus

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Ein Klapperstorch am Galgen wurde kürzlich in Frankfurt bei einer Demonstration von Mirianne Uffenbrink (l) in die Höhe gehalten. Mehrere hundert Hebammen, Mütter und Familien demonstrierten für die Zukunft der Geburtshelferinnen und ein Recht auf Wahlfreiheit bei der Geburt.

Klein-Zimmern/Darmstadt-Dieburg - Hebammen im Rhein-Main-Gebiet schlagen Alarm. Grund sind die exorbitant gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung, die sich seit dem Jahr 2000 verzehnfachten und ab Juli diesen Jahres auf 5 091 Euro klettern sollen. Von Ursula Friedrich 

Versicherer haben sogar angedeutet, freiberuflichen Geburtshelferinnen künftig gar keinen Versicherungsschutz mehr anzubieten. Damit wäre der komplette Berufsstand existentiell bedroht. Für werdende Familien gibt es bereits jetzt Engpässe in der außerklinischen Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung.

Auch für die 2009 in Klein-Zimmern gegründete Hebammenpraxis „Bauchgefühle“ könnte dies das Aus bedeuten. „Wir sind zwar nicht so stark betroffen wie Beleghebammen in Krankenhäusern und Kolleginnen, die Hausgeburten machen, denn unser Schwerpunkt liegt hauptsächlich in der Nachsorge“, erklärte auf Nachfrage des LA Nikola Schwinn, die mit Kollegin Alexandra Glaser die Praxis betreibt. Falls Versicherer ihren Schutz für freiberufliche Hebammen einstellen, droht jedoch auch ihrem Unternehmen das Ende. „Ohne Versicherung dürfen wir nicht arbeiten“, so die junge Hebamme.

Hintergrund des Problems: Noch beträgt die Haftpflichtprämie für Geburtshilfe 4 242 Euro im Jahr, ab Juli soll die Police auf 5 091 Euro erhöht werden. (Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag der Betrag bei 404 Euro). Noch höhere Kosten sind für viele Freiberuflerinnen ein Anstoß, die Rentabilität ihrer Arbeit zu überdenken. Die Zahl der Schadensfälle ist zwar seit Jahren konstant, allerdings sind die Schadenssummen durch eine geänderte Rechtsprechung in die Höhe geschossen. Hebammen tragen als Geburtshelferinnen große Verantwortung, wie in einem dramatischen Beispiel, wenn etwa ein Baby unter einer Hausgeburt zu wenig Sauerstoff erhält und eine Behinderung davonträgt.

Schwinn und Glaser bieten keine Hausgeburten an. Sie betreuen schwangere Frauen, bieten primär jedoch Wochenbettbetreuung und Kurse rund um Nachsorge und Babypflege an. Bereits jetzt haben sie Anfragen von Frauen und Familien bis nach Darmstadt und in den Rodgau. Angesichts dieses Ansturms müssen die beiden Geburtshelferinnen, selbst Mütter, zahlreichen Frauen absagen. „In den Monaten März bis Mai gab es so viele Anfragen, dass wir nicht allen helfen konnten und Absagen erteilen mussten“, so Schwinn.

Hebammen demonstrieren in Frankfurt

Als sie ihre Praxis gemeinsam mit zwei Kolleginnen 2009 in Klin-Zimmern eröffnete, war das junge Unternehmen im Nu flott angelaufen - der Bedarf ist riesig. Das Ende der freiberuflichen Hebammen würde eine nicht zu füllende Lücke in die Versorgung Schwangerer und junger Mütter reißen, befürchten die Geburtshelferinnen. „Schwangere Frauen sind unheimlich froh, wenn sie jemanden finden, der ihnen beisteht - auch bei der Nachsorge“, sagt Schwinn. Ohne sie und ihre Kolleginnen werden sich Kinderarztpraxen und Wartezimmer von Gynäkologen deutlich stärker füllen. In der Politik wird zwar fieberhaft nach Auswegen gesucht, um dieses Desaster abzuwenden, bislag jedoch ohne Ergebnis.

Bundesweit arbeiten rund 21000 Hebammen, 60 Prozent davon sind freiberuflich tätig. Laut der Hebammenliste 2014 des Kreisverbandes Darmstadt-Dieburg sind hier 93 Geburtshelferinnen gemeldet. Die Broschüre liegt in Arzt- und Hebammenpraxen aus und kann bestellt werden bei Marieke Kuhr, Ober-Ramstädter-Weg 25, in Groß-Zimmern. Inzwischen wächst die Protestwelle: Am vergangenen Samstag demonstrierten in Frankfurt unter dem Motto „Rettet die Hebammen“ 600 Menschen. Zur Mahnwache aufgerufen hatten Elterninitiativen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) müsse endlich etwas unternehmen, sagte die Initiatorin einer Online-Petition zur Rettung der freiberuflichen Hebammen, Bianca Kasting. Auch in anderen Städtengab es Proteste.

In der Politik wird jetzt fieberhaft nach Auswegen gesucht. Der Bundesrat beschäftigte sich gestern mit einem Antrag Schleswig-Holsteins zur Absicherung der Hebammentätigkeit in der Geburtshilfe über einen steuerfinanzierten Haftungsfond. Für das Wochenende sind gleich mehrere Demonstrationen der Hebammen geplant.

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