Knall und Fall - kurz, aber schmerzhaft

Groß-Zimmern ‐ „Ja ist denn hier halb Zimmern unterwegs?“ konnte man am Samstag Nachmittag meinen. Mit Mann und Maus zogen unzählige Menschen die Darmstädter Straße entlang, um bei der Sprengung der beiden Schornsteine auf dem Gelände der alten Ziegelei dabei zu sein. Von Michael Just

Gleich in mehreren Reihen drängten sich die Köpfe am rot-weißen Flatterband für den besten Blick. „Ich habe schon als Kind hier im Wäldchen gespielt“, erzählt Stefan Wörtche (52), der mit Frau und Freunden gekommen ist. „Das ist eine einmalige Gelegenheit. Das sieht man sonst nur im Fernsehen“, fügt der gebürtige Zimmerner hinzu. Die meisten der rund 2000 Zuschauer, von denen viele Fotos und Videokameras in den Händen halten, haben ein solches Ereignis noch nie erlebt. Es gibt aber auch Ausnahmen: „Für mich ist das nicht neu“, sagt Astrid Geiß, die mit Sohn Florian in der ersten Reihe steht.

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Schornstein-Sprengung der Alten Ziegelei

„Ich bin aus der Lausitz, da wurden nach der Wende viele Ost-Betriebe gesprengt.“ Durch die dortigen Braunkohlekraftwerke seien eine ganze Reihe Schornsteine dabei gewesen. Wie die 35-Jährige „eingeplaggte“ Zimmernerin sagt, werde sie die Türme vermissen. „Als ich in Ober-Ramstadt wohnte und zum Arbeiten nach Zimmern kam, habe ich sie immer schon von weitem gesehen. Dann wusste ich, jetzt bist du auf der Arbeit“, schmunzelt Geiß. Auf diese Weise wurden die Riesen für sie fast ein wenig zu inoffiziellen Wahrzeichen der Gemeinde. Eine andere Besucherin verbreitet ebenfalls Wehmut: „Vielleicht sollte man sich ein paar Steinchen als Souvenir mitnehmen.“ „Für die Initiative 'Rettet die Türme' ist es jetzt aber zu spät“, meint ihr Nebenmann.

Großes Medieninteresse

Gedränge wie bei einem Volksfest herrschte auf dem Gelände der Alten Ziegelei.

Für das Ende der Bauten hat Sprengmeister Dieter Schaal die letzten Tage alles vorbereitet. Jeweils 36 Löcher bohrte er in jede Base der 40 und 70 Meter hohen Bauwerke. Am Samstag wurde dann „geladen“ beziehungsweise das „Euro-Dyn“ darin platziert. „Das ist gewerblicher Sprengstoff“, so Schaal über die Dynamitstangen. Das Hantieren mit dem explosiven Stoff rückt ihn immer wieder in das Interesse der Öffentlichkeit: „Ich bin öfter im TV als die Bundeskanzlerin“, meint er lachend über das Medieninteresse.
Auch in Zimmern ist das Fernsehen da, ein TV-Team hat ihn verkabelt und filmt jeden Schritt seiner Arbeit. Kurz nach 14 Uhr macht sich Spannung bei den Besuchern breit - doch der „Big Bang“ lässt auf sich warten. „Vom Regierungs Präsidium haben wir die Auflage bekommen, das Fallbett stärker zu wässern“, sagt ein Arbeiter. Um 14.21 Uhr ist es dann soweit: Nach zwei kurzen Sirenentönen fällt erst der kleinere Turm, wenige Sekunden später der große. Ein lauter Knall bleibt jeweils aus, fast klingt es wie eine Verpuffung. Das bewirken die großen Strohballen vor dem Dynamit, die den Steinflug verhindern sollen. Auch der Staub hält sich in Grenzen. Zur Freude der Besucher knickt der große Turm aufgrund der Präparationen beim Fallen in der Mitte noch zusätzlich ab. „Jetzt bräuchte man eine Zeitlupe“, sagt ein junger Mann zu dem Sekunden-Schauspiel. „Das war`s schon“, seufzt ein anderer und weiß nicht, ob er gehen oder noch bleiben soll.

„Jetzt gehe ich erstmal eine Bratwurst essen“

Schaal ist mit dem Ergebnis zufrieden. „Jetzt gehe ich erstmal eine Bratwurst essen“, kündigt der Schwabe an, nachdem er die Reste der dahingestreckten Riesen begutachtet hat. Ob vielleicht Teile der Ladung nicht hochgegangen sind, verneint er: „Das läuft elektrisch, entweder zündet alles oder nichts.“ 150 Schornsteine hat der Mann in 35 explosiven Jahren schon dem Erdboden gleich gemacht. „Durch die lange Tätigkeit hab` ich den Beinamen Didi Dynamiti“, erzählt der Sprengmeister lachend, dem die stoische Ruhe ins Gesicht geschrieben steht. Wie der Experte erklärt, habe er durch Lehrgänge sein Wissen erworben. Auf der Sprengschule in Dresden sei dies ebenfalls möglich. An seinen nächsten Auftrag denkt Schaal noch nicht: „ Morgen wird erstmal gewählt und dann geht`s weiter“, sagt er.

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