Dekanat Vorderer Odenwald beschäftigt sich mit Wertewandel

Leben und sterben da, wo man zu Hause ist

Zeitgenössisch ist das Thema des Vortrags und die Zahl der Interessenten steigt zunehmend.

Groß-Zimmern - Eine plakative Ampel hat Referent Ulf Häbel am Dienstagabend ins Mehrgenerationenhaus mitgebracht. Neben der roten Leuchte stehen Sätze wie, „Ich möchte in meinen vier Wänden alt werden“, aber auch „Anderen zur Last fallen“. Von Ulrike Bernauer

Grün und somit positiv besetzt ist dagegen die „Nachbarschaftshilfe“, die einspringen soll, wenn die Herkunftsfamilien bei der Betreuung der älteren Familienmitglieder ausfallen.

„Dem ökologischen Wandel muss auch einer im gesellschaftlichen Bereich folgen“, fordert Dekan Joachim Meyer vom Dekanat Vorderer Odenwald in seiner Begrüßung. Den Referenten Häbel stellt er als Pfarrer im Unruhestand, als Landwirt mit rund 100 Tieren und als Kommunalpolitiker vor. Aber auch als Motor hinter einer Initiative, die sich „Nachbarschaftsfamilie Freienseen“ oder „Vogelsberger Seniorennetzwerk“ nennt.

„Alte Menschen sollen am Leben teilhaben können bis zum Schluss“, das ist die Forderung von Häbel, der in seinem knapp 900-Seelen-Dorf Freiensee im Vogelsberg Pfarrer war und deshalb jeden Bewohner kennt. Häbel wehrt sich gegen eine Definition von alt als arm, langsam und teuer, wenn Menschen gepflegt werden müssen und betont: „Jeder kann etwas zur Gemeinschaft beitragen.“ Seinen Vortrag veranschaulicht er mit vielen Beispielen. Dazu gehört auch die gelähmte Oma, der der Urenkel nach ihrem Tod heiße Tränen nachweint. „Wenn ich von der Schule nach Hause gekommen bin, dann war immer jemand da“, so begründet das Kind seine Trauer um die alte Frau, die nur noch im Bett liegen konnte.

Auf der anderen Seite brauchen auch alte Menschen eine Aufgabe und Häbel erzählt von Hedwig, die bis zu ihrem 97. Lebensjahr den Hühnerstall versorgte. In ihren guten Jahren führte sie den Hof, als sie schon sehr alt war, war sie für den Käberstall zuständig, als das nicht mehr ging, für die Ferkel und zum Schluss eben für die Hühner. Als die Familie beschloss, Hedwig sei nun mit ihren 97 Jahren auch dafür zu alt, sagte die Frau, „dann bin ich in drei Wochen tot“.

„Und so war es auch“, bestätigt Häbel. Waren vor 100 Jahren noch 44 Prozent der Menschen unter 20 Jahre alt, so sind es heute nur noch 20 Prozent. Früher war der Anteil der Menschen über 60 mit acht Prozent sehr gering, heute liegt er bei 25 Prozent, Tendenz steigend. Die Alterspyramdie hat sich praktisch umgekehrt. Zudem können immer weniger Familien ihre alten Menschen noch adäquat versorgen oder pflegen und immer mehr Alte haben schlicht gar keine Kinder, die diese Aufgabe übernehmen könnten.

In der Nachbarschaftshilfe sieht Häbel die Lösung. „Die Nachbarschaft ist der soziale Raum, in dem jede und jeder daheim ist, sich mit seinen Fähigkeiten einbringen, alt werden und schließlich auch sterben kann. Die Nachbarschaftsfamilie stärkt das Selbstbewusstsein alter Menschen und fördert ihre Autonomie“, so die Überzeugung von Häbel. Ein leerstehendes Haus im Ortskern will die Initiative deshalb erwerben und sanieren, als Treffpunkt für ältere Menschen, zum Beispiel zum gemeinsamen Mittagessen, aber auch als Begegnungsmöglichkeit zwischen den Generationen mit einem Arztzimmer, einer Seniorenwerkstatt, aber auch drei barrierefreien Wohnungen. Die Kosten für Erwerb und Sanierung klängen mit zwei Millionen erst mal gigantisch, 90 Prozent würden allerdings durch Fördermittel bereit gestellt. „Legt man den Rest auf die Bevölkerung um, dann kommen pro Einwohner nicht einmal 200 Euro zusammen, das klingt machbar.“

„Sie sprechen mir aus der Seele“, kommentiert Edda Haack, Leiterin des Diakonischen Werkes Darmstadt, die sich gerade in Weiterstadt um ein neues Projekt für alternde Menschen bemüht, das. Eine Frage kommt aus dem Publikum: „Kann man ein solches Projekt auch in größeren Gemeinschaften verwirklichen?“ Damit will sich Häbel allerdings nicht auseinandersetzen. Er wirbt für sein Projekt und will dafür begeistern. Begeisterung sei auch der entscheidende Motor für den Aufbau einer Initiative: „Sie bewegen im Leben nichts ohne Leidenschaft.“ Antwort gibt Häbel allerdings auf die Frage einer Mitarbeiterin des Groß-Umstädter Hospizvereins, ob man das wirklich für alle Menschen anbieten könnte. „Es gibt Grenzen, an die das Konzept stößt. Ab einer gewissen Pflegebedürftigkeit bleibt nichts anderes als das Heim, aber bis dahin und auch im Heim selbst sollten die Menschen in Würde leben und sterben können.“

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