Lehrreicher Babyboom

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Glücklich sehen Annika Eckert (links) und Julia Faupel mit ihren Dummy-Babies aus. Sie wissen seit der „Bedenkzeit“, was es bedeutet, einen Säugling zu versorgen.

Groß-Zimmern - Babygeschrei im Klassenzimmer? An der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) gehört dies nun zwei Wochen lang zum Schulalltag. Wo sonst Matheformeln und Vokabelpauken an der Tagesordnung sind, haben neun Säuglinge das Programm gehörig auf den Kopf gestellt. Windeln wechseln, füttern, schmusen und Kinder in den Schlaf wiegen stehen auf dem Stundenplan. Von Ursula Friedrich

Auslöser des Babybooms ist das Projekt „Babybedenkzeit“, ein fünftägiges Praktikum, das die Schule in Kooperation mit dem diakonischen Werk seit zwei Jahren anbietet. Teenager der Abschlussklassen der Gesamtschule werden förmlich über Nacht zu Eltern. Neun „Baby-Roboter“ werden von den jungen Leuten adoptiert und rund um die Uhr wie ein eigenes Kind betreut.

Informationen zum Elternpraktikum „Babybedenkzeit“ gibt es beim Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg, Zweifalltorweg 10, 64293 Darmstadt, 06151/9260.

Der ungewohnte Elternjob hat an den neun Müttern der beiden neunten Gymnasialklassen gezehrt: „Es war so anstrengend, wir mussten jede Nacht zwei bis drei Mal raus“, so lautet die Bilanz nach einer Woche „Mutterschaft“. Denn die computergesteuerten „Simulatoren“ hielten ihre Eltern wie „echte“ Säuglinge auf Trab. „Mit der Zeit konnte man das Weinen einordnen“, so der Erfahrungsbericht von Katharina Zotz. Hunger, Bauchweh oder einfach Lust auf Mama? Um das Quengeln der Kleinen zu beenden, gab es auch von den frischgebackenen Omas gute Tipps wie „Du musst ihm mal den Bauch massieren“.

„Man hat einen Sensor am Arm“, erläutert Julia Faupel das Projekt. Somit konnten die verantwortungsvollen Mutterpflichten nicht auf andere abgewälzt werden. Trotz aller Strapazen gab es auch lustige Szenen.

Zum Beispiel während der Busfahrt zur Beratungsstelle der Diakonie nach Groß-Umstadt. „Die Leute haben uns für bescheuert gehalten. Wir waren zu neunt, und jeder hatte einen Kinderwagen dabei und eine Puppe im Arm. Und prompt fingen alle Kinder gleichzeitig an zu plärren“, erzählt Julia.

Caroline Schuh beschreibt auch emotionale Erlebnisse: „Die Glücksgeräusche des Babys nach dem Füttern waren einfach schön“.

Eines steht für die neun jungen Damen fest: „Manche Mädels nehmen Kinderkriegen auf die leichte Schulter, aber der Alltag schreckt ab. Elternzeit, das hat noch Zeit, erstmal Schule fertig machen und studieren.“

Damit ist eine wichtige Botschaft angekommen, nämlich mit dem Thema Schwangerschaft nicht leichtfertig umzugehen.

„Es gibt so viele Teenagerschwangerschaften und fürchterliche Schicksale, wo Babys in der Mülltonne landen“, schildert Astrid Freund, Mitarbeiterin des Diakonischen Werks die Hintergründe des Projekts „Babybedenkzeit“, das sie gemeinsam mit Kollegin Marijke Eppendorfer-van Rijn leitet. Säuglingspflege stehen dabei ebenso auf dem Programm wie Verhütung, Beratung rund um die finanzielle Unterstützung junger Eltern von staatlicher Seite, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und vieles mehr.

Das „Elternpraktikum“ wird inzwischen an mehreren Schulen im Landkreis angeboten. In Groß-Zimmern sollen primär die Abschlussklassen davon profitieren: Die neunten Hauptschulklasse sowie die zehnten Realschulklassen seien die Zielgruppen, so die pädagogische Leiterin der ASS, Bärbel Tippe.

Verantwortlich für das Projekt ist eigentlich die Lehrerin Sabine Bohnhoff. Wegen Terminüberschneidung mit den Klassenfahrten der Schulabgänger wurden diesmal zunächst Gymnasiastinnen ausgewählt, in der zweiten Woche bekamen die Babys dann andere Mütter.

Die spezielle „Babyzeit“ sei ein harter Eingriff ins Leben gewesen, so das Fazit der Projektteilnehmerinnen. Lieb gewonnen haben sie ihre die Säuglinge dennoch: „Obwohl es nur Puppen sind“, so Katharina Zotz. Nach dieser Erfahrung käme für die meisten im Fall einer Schwangerschaft eine Abtreibung nicht in Frage.

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