Mit Märchen und Real

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Agnes Scheurich-Yamoah arbeitet an der Kassen eines Supermarktes in Zimmern.

Groß-Zimmern (guf) ‐ Sie kann so schön erzählen: Von listigen Spinnen und klugen Kaninchen, den unterschiedlichen Stämmen und starken Frauen in ihrem Herkunftsland Ghana. Im dunklen Gesicht blitzen dabei die weißen Zähne, und sie lacht dieses ansteckende afrikanische Lachen – kein Wunder, dass Agnes Scheurich-Yamoah die Herzen der Menschen zufliegen.

Im Herbst hat sie die Besucher eines Afrikafestes im Kranichsteiner Landratsamt als Märchenerzählerin verzaubert. Die Realität ihres Lebens in Deutschland ist aber weder sonderlich heiter noch poetisch. Sie stammt aus der Stadt Kuforidua, vom Stamm der Akan, in dem Frauen eine andere Position haben als im Patriarchat des europäischen Abendlandes. „Es gibt große Familienstrukturen mit vielen Kindern. Die helfen ganz selbstverständlich zu Hause mit“, erzählt die Wahl-Zimmernerin.

Scheurich-Yamoah kommt auch aus einer stark christlich geprägten Familie: „Schon mein Urgroßvater, mein Großvater, meine Oma und mein Vater waren Pfarrer.“ Sie hatte in Ghana die Möglichkeit einer Ausbildung zur Lehrerin, für die Fächer Englisch und Mathematik, und hat bereits als Lehrerin gearbeitet, bis der kam, über den sie heute nicht mehr viel redet: der Mann, der sie aus Afrika „rausholen“ wollte. Und sie, die in Ghana schon ein Kind mit einem anderen Partner hatte, verliebte sich und folgte ihm nach Deutschland, was ihr die deutsche Staatsbürgerschaft, den unafrikanischen Teil des Nachnamens und einen zweiten Sohn brachte. Doch die Ehe hielt nicht lange und ihren ersten Sohn konnte sie nicht wie geplant zu sich holen.

Trost im Glauben gefunden

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Heute hält es die Dreiundvierzigjährige mit der Erkenntnis: „Hinter einem großen Mann ist eine stärkere Frau.“ Stärke hat sie gebraucht, viel Stärke, für die Entscheidung, nach der Trennung nicht nach Ghana zurückzukehren, sondern - nicht zuletzt wegen der besseren Chancen für ihr Kind - in Deutschland zu bleiben. Das bedeutete zunächst Arbeit als Putzfrau, seit 1999 ist sie im Supermarkt tätig, seit 2005 strahlt sie an der Kasse die Kunden an.

Anfangs war ich ziemlich verschlossen, fand aber Trost im Glauben und zudem viele nette Menschen“, erzählt sie und fügt hinzu: „Außerdem bin ich neugierig.“ In Groß-Zimmern hat sie nicht nur in der evangelischen Kirchengemeinde viele gute Freunde. Mit ihrer aufrichtig, direkten Art und einer irgendwie ansteckend positiven Ausstrahlung ist sie sehr beliebt und geschätzt. So ist „Agnes“ - wie sie in der Gemeinde viele freundschaftlich nennen - auch auf Jutta Habermann vom Büro für Integration beim Landkreis Darmstadt-Dieburg gestoßen.

Scheurich-Yamoah: „Will soziale Arbeit studieren“

Sie stand plötzlich bei mir im Büro, weil sie sich über die Kreisagentur für Beschäftigung geärgert hatte“, erzählt die Sozialpädagogin. Seitdem hat die Groß-Zimmernerin aus Afrika eine Verbündete mehr im Kampf um die Verbesserung ihrer Lebenssituation in Deutschland. „Agnes war sogar Inspirator für das Afrikafest“, verrät Habermann, „und natürlich sollte sie auch mit dazu beitragen.“ So kam’s zum Märchenerzählen. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Scheurich-Yamoah. Ein anschließender afrikanischer Kochkurs an der Volkshochschule war sofort ausgebucht. Im aktuellen VHS-Programm ist sie für zwei Termine vorgesehen: In Erzhausen (Lessingschule) und Dieburg (Goetheschule) wird sie im Mai Kindern ab zehn Jahren Märchen erzählen.

Habermann findet die Auftritte „ausbaufähig“. Aber es geht um mehr: Zunächst versuchte sie „vorhandene Ressourcen“ zu nutzen und meint damit die Lehrer-Qualifikation, die bis heute in Deutschland nicht anerkannt ist. Rumsitzen und abwarten ist jedoch für Scheurich-Yamoah nicht angesagt. Sie hat sich ein neues Ziel gesetzt: „Mir liegt die Arbeit mit Menschen sehr. Deshalb will ich soziale Arbeit an der evangelischen Fachhochschule studieren“, sagt sie überzeugt. „Sie berät häufig andere Afrikaner und macht das sehr gut“, erzählt Habermann, die diesen Entschluss einfach folgerichtig findet und gerne behilflich wäre.

Auf der Suche nach einem Mäzen

Ich habe alle Förderprogramme durchsucht. Für diesen Spezialfall ist kein Fond und keine Stiftung zu finden“, berichtet die Sozialpädagogin und unterstützt die Freundin in ihrem Versuch, einen Mäzen zu finden.

Gerne würde sich Scheurich-Yamoah um einen Studienplatz für das Wintersemester bewerben. Obwohl ihr Deutsch recht gut ist, müsste sie für das Hochschulstudium einen Kurs besuchen, der auf die spezielle Sprachprüfung vorbereitet. „Hierfür ist eventuell die Unterstützung der Kreisagentur möglich, wenn zuvor die Finanzierung für das Studium gesichert wäre“, so Habermann.

Agnes Scheurich-Yamoah will auch während des dreieinhalb- bis vierjährigen Studiums soweit möglich arbeiten. Doch aus eigenen Kräften wird es nicht zu schaffen sein. Aber sie verliert den Mut nicht, hofft auf Unterstützung und darauf, dass sich möglichst bald ein Mäzen, mehrere Sponsoren oder auch Menschen mit hilfreichen Hinweisen für ihren speziellen Fall melden.

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