INTERVIEW Die Geschwister Vanessa und Christoph Danz aus Groß-Zimmern über ihr Hobby Motocross

„Man muss einfach alles geben“

Der Spaß steht an erster Stelle: Seit sie kleine Kinder sind, fahren Vannessa und Christoph Danz Motocross. Foto: herd

Groß-Zimmern – Vanessa (25) und Christoph Danz (22) sind begeisterte Motocross-Fahrer. Im Doppel-Interview sprechen die Geschwister aus Groß-Zimmern über ihre Ziele für die Zukunft, wie sie zum Motorradfahren gekommen sind und wie viel Zeit das Hobby in Anspruch nimmt.

Für Euch beide ist die vergangene Saison plötzlich mit einer Verletzung zu Ende gegangen. Wie läuft es bisher?

CHRISTOPH DANZ: Bei mir lief es am Anfang der Saison noch nicht so gut, da ich nach meiner Schlüsselbeinfraktur erst einmal wieder meine Fitness aufbauen musste. Erst im April dieses Jahres fand ich meinen Rhythmus wieder und konnte mich kontinuierlich steigern. Im Mai habe ich dann bei der Deutschen Meisterschaft meine ersten Punkte erzielt.

VANESSA DANZ: Bei mir lief es ähnlich, da ich mich letztes Jahr beim Training verletzte. Nach drei Wochen im Krankenhaus, drei OPs und fast einem halben Jahr ohne Training musste ich meinen Traum, mich für die kommende Weltmeisterschaft zu qualifizieren, leider aufgeben. Erst im Februar konnte ich das erste Mal wieder auf dem Motorrad trainieren, und deshalb lag mein Fokus vor allem darauf, Spaß zu haben, wieder ins Fahren reinzukommen und wieder mein Level von letztem Jahr zu erreichen.

Wie viele Rennen waren es bisher in diesem Jahr?

VANESSA: Dieses Jahr sind wir noch nicht so viele Outdoor-Rennen mitgefahren, da leider einige abgesagt werden mussten.

Das ist schade. Wieso wurden die Rennen abgesagt?

VANESSA: Die Saison fängt meistens im März beziehungsweise April an, und da wurden ein paar Rennen auf Grund des schlechten Wetters abgesagt.

CHRISTOPH: Und dann war noch Sommerpause, seit August ist sie wieder vorbei.

Wie viele Rennen habt Ihr sonst etwa im Jahr?

VANESSA: Zwischen 20 und 30 Rennen sind es auf jeden Fall. Bis Oktober sind die Outdoor-Rennen im Motocross und im Enduro, und ab November finden die Indoor-Rennen im Supercross statt.

CHRISTOPH: Es kommt dann darauf an, welche Rennen man mitfährt. Wenn man nur Outdoor-Rennen fährt, sind es ungefähr 20 im Jahr, fährt man auch noch zusätzlich Supercross, also die Indoor-Rennen, mit, dann kommen noch bis zu sieben Rennen dazu.

Könnt Ihr die Unterschiede zwischen Motocross und Supercross erklären?

VANESSA: Supercross kann man sich ungefähr so vorstellen wie bei einem Fußballspiel in einem Stadion. Da sitzen die Leute außen auf den Plätzen, und die Strecke wird in der Mitte der Halle aufgebaut. In Dortmund findet das Rennen zum Beispiel in der Westfalenhalle statt. Da sitzen dann je nach Größe der Halle bis zu 10 000 Zuschauer. Beim Supercross fahren nur wenige deutsche Fahrer mit, es startet eher ein internationales Feld. Es sind beispielsweise jedes Jahr viele Fahrer aus Frankreich und Amerika dabei. Die Strecken sind sehr anspruchsvoll, und man darf sich kaum Fehler erlauben. Wenn man bei einem Sprung nicht genau landet, stürzt man oder fährt vielleicht auf die Gegenfahrbahn. Das ist für die Zuschauer natürlich spannend. Chris wollte da letztes Jahr unbedingt mitfahren, hat dafür ein halbes Jahr lang hart trainiert – und sich dann beim Auftakt das Schlüsselbein gebrochen.

CHRISTOPH: Da habe ich nur einen kleinen Fehler gemacht, der leider böse be-straft wurde.

VANESSA: Der Unterschied zum Motocross ist, dass Motocross outdoor, also im Freien, stattfindet. Die Strecken sind größer, die Sprünge nicht so gefährlich, und es dürfen bis zu 40 Fahrer gleichzeitig starten. Beim Supercross sind es dagegen maximal 12 Starter. Supercross-Veranstaltungen gehen meist bis spät in die Nacht, während die Wertungsläufe beim Motocross hauptsächlich nachmittags stattfinden.

Was habt Ihr Euch für diese Saison vorgenommen?

CHRISTOPH: Mein Ziel war es, in der Deutschen Meisterschaft wieder Punkte zu holen, was ich bisher geschafft habe. Mein Hauptziel war aber, wieder Supercross zu fahren, mich also noch mal gezielt darauf vorzubereiten und dann gute Ergebnisse einzufahren. Es gibt auch noch eine ziemlich große holländische Serie, für die ich mich qualifizieren und dort ein paar Punkte holen will.

Wie viele Punkte braucht man da, um ganz oben dabei zu sein?

CHRISTOPH: Dort fahren immer nur zwölf Leute gegeneinander, und wenn man es ins Finale geschafft hat, bekommt man Punkte und ein Preisgeld.

VANESSA: Für das Finale muss man sich aber immer erst qualifizieren.

CHRISTOPH: Genau und das ist halt schwierig. Es wird so entschieden, dass man ein Qualifikationsrennen für die Reihenfolge in der Startaufstellung in den Vorläufen fährt. Aus drei verschiedenen Vorläufen kommen dann jeweils die besten vier Fahrer weiter. Am Ende fahren dann die besten zwölf Fahrer im Finale gegeneinander.

Und wie sieht es mit Deinen Zielen aus, Vanessa?

VANESSA: Ich habe mich im vergangenen Jahr nur auf mein Training konzentriert und war durch die Weltmeisterschaft und die Deutsche Meisterschaft in ganz Europa unterwegs. Nach der Verletzung wollte ich eigentlich erst einmal wieder langsam anfangen und ohne Druck Spaß beim Fahren haben. Jetzt läuft es aber schon wieder ähnlich gut wie letztes Jahr, sodass ich die Deutsche Meisterschaft im Enduro auf jeden Fall weiter fahre, und ich hoffe auf eine Top-3-Platzierung in der Gesamtwertung. Im Winter will ich auch beim Supercross mitfahren, da es in Holland an Silvester zum Beispiel eine eigene Damenklasse geben wird. Ansonsten wäre es noch ein Ziel von mir, Ende Januar im nächsten Jahr bei Le Tourquet in Frankreich bei dem großen Strandrennen mitzufahren. Dort starten immer ungefähr 1 500 Fahrer. Letztes Jahr, also 2018, bin ich unter die Top-500 gefahren. Das würde ich natürlich gerne toppen.

Seid Ihr auch öfter mal gemeinsam unterwegs?

CHRISTOPH: Früher waren wir immer gemeinsam unterwegs, haben zusammen trainiert und sind gemeinsam zu den Rennen gefahren. Seit ein paar Jahren aber nicht mehr so oft, da Vanessa zusätzlich noch Enduro und in den Damenklassen fährt. Wir haben beide fast jedes Wochenende ein anderes Rennen, und wenn wir dann jeweils bei einer anderen Veranstaltung teilnehmen, müssen wir uns auch unseren Papa teilen, der uns immer hilft.

VANESSA: Das war oft schwierig, da wir früher oft zu dritt unterwegs waren – Papa als Mechaniker, Chris und ich. Wenn ich jetzt aber beispielsweise ein Rennen irgendwo im Süden fahre und Chrissi ein Rennen der Deutschen Meisterschaft im Norden hat, müssen wir immer herumfragen, wer zum Schrauben und Helfen mitfahren kann. Und im Notfall, wenn Papa gar keine Zeit hat, müssen wir alleine fahren. Aber das hat bis jetzt auch immer irgendwie geklappt.

CHRISTOPH: Bei den großen Rennen ist es aber wichtig, dass immer eine Begleitung dabei ist.

VANESSA: Die großen Rennen plant man dann auch ganz anders. Wenn es ein WM- oder DM-Lauf ist, planen wir das auch schon so, dass wir ein paar Tage vorher anreisen, um uns professionell auf das Rennen vorbereiten zu können.

Was war bisher die weiteste Strecke?

VANESSA: Bei mir war es entweder die Slowakei, Spanien oder Schweden. Ich weiß nicht genau, was weiter war. In Rumänien bin ich auch ein Rennen gefahren, das waren 25 Stunden Anreise.

CHRISTOPH: Bei mir sind es bis jetzt ja nur Holland und Italien gewesen.

VANESSA: Stimmt, du hast es ja nie so weit. (beide lachen)

Und wie macht Ihr das mit der Uni, wenn Ihr vier Tage vorher anreisen müsst?

VANESSA: Das ist nicht so einfach, aber es hat immer geklappt. Ich darf an der Uni drei Vorlesungen fehlen. Und diese drei Veranstaltungen fehle ich auch jedes Semester, anders klappt es nicht.

CHRISTOPH: In der Schule musste ich öfter mal Beurlaubungen für die Rennen beantragen. Jetzt studiere ich, da kann ich mir das frei einteilen. Aber ich darf natürlich auch nicht so oft fehlen, sonst komme ich mit dem Stoff nicht mehr hinterher.

Trainiert Ihr auch mal gemeinsam oder macht Ihr auch das eher getrennt?

VANESSA: Es ist cool, wenn es klappt. Wenn wir zusammen trainieren, macht es immer Spaß. Das geht aber nicht oft. Nebenher im Winter haben wir viel gemacht, da müssen wir stundenlang auf dem Fahrradergometer fahren. Da ist es ganz schön, wenn man nicht alleine ist. Wenn wir mit der Familie im Urlaub sind, machen wir auch immer gemeinsam Sport. Auf dem Motorrad fahren wir kaum zusammen. Aber wir haben uns jetzt vorgenommen, im nächsten halben Jahr öfter zusammen zu fahren, wenn wir keine Uni mehr haben.

Messt Ihr Euch auch mal miteinander?

VANESSA: Es geht, früher waren wir mal genau auf einem Level, da war ich sogar besser als Du. (beide lachen) Immer wenn wir auf eine neue Strecke gekommen sind und es große Sprünge gab, war ich meistens die Erste, die sich getraut hat, zu springen. Chris ist dann erst nach mir gesprungen und hat dann sozusagen von mir profitiert.

Und jetzt?

VANESSA: Jetzt ist es andersrum. Vor ein paar Jahren hat er einen Riesenschritt nach vorne gemacht und ist auch viel besser geworden. Normalerweise ist es ja auch so, dass die Männer von ihrer Konstitution her schneller sind. Ich kann viel von ihm lernen. Wenn wir zum Beispiel neue Strecken fahren, bekomme ich von ihm gute Tipps bei der Spurenwahl. Wir „battlen“ uns auch schon mal aus Spaß, nur ist er halt schneller.

CHRISTOPH: Aber Du studierst ja auch Sport und bringst fürs Training neue Methoden mit. Und davon profitiere ich dann wiederum. Wie zum Beispiel beim Schwimmen. Das mussten wir in letzter Zeit im Rahmen unseres Trainings öfter machen. Da hat sie eine sehr gute Technik, und ich kann noch viel von ihr lernen.

VANESSA: Ich glaube auch. Wir sind da eher ein Team als gegeneinander.

Also eher „pushen“ als „battlen“?

VANESSA: Genau. Auch wenn wir bei einer Veranstaltung Rennen direkt hintereinander in getrennten Klassen fahren, unterstützen wir uns gegenseitig.

Wettet Ihr auch mal gegeneinander?

VANESSA: Ich glaube, das haben wir noch nie gemacht.

CHRISTOPH: Vielleicht sagen wir aus Spaß mal was.

Wie würdet Ihr Euch gegenseitig beschreiben?

CHRISTOPH: Vanessa ist super ehrgeizig. Das bewundere ich. Wie man nach so vielen Verletzungen, auch unverschuldete, zurückkommt und die mentale Einstellung hat, weiterzukämpfen, ist stark. Auch die sportliche Einstellung ist immer top, immer fair.

VANESSA: Ich finde auch, Chrissi ist sehr ehrgeizig im Sport. Er ist mir gegenüber auch sehr hilfsbereit. Ich muss zwar ab und an schrauben und bekomme das auch ganz gut hin, aber einige Dinge kann ich auch nicht alleine, und dann weiß ich, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Er ist sehr fair und steht immer für uns ein.

Zum Beispiel?

VANESSA: Da gab es letztens bei einem Rennen einen Vorfall, bei dem er unfair behandelt wurde, und da hat er so lange für sein Recht gekämpft, bis er es bekommen hat. Das bewundere ich, weil ich das, glaube ich, nicht gemacht hätte. Außerdem wissen wir beide, wie es in unserem Sport abläuft und somit auch welchem Druck man standhalten muss und welche Schwierigkeiten auf einen zukommen können. Wir können immer miteinander reden, wissen wenn sich der andere mental nicht so gut fühlt, und können uns dann gegenseitig aufbauen.

Was begeistert Euch an der Sportart?

CHRISTOPH: Alles. (lacht)

VANESSA: Das Adrenalin. Die Airtime, wenn man nach Sprüngen fliegt.

CHRISTOPH: Ja, das ist etwas Besonderes.

VANESSA: Auch das „Battlen“ mit anderen.

CHRISTOPH: Und sich selbst auch herausfordern, weil man komplett an seine Grenzen geht. Man muss einfach alles geben. Das verlangt schon viel ab.

VANESSA: Ja, körperlich zum Beispiel ...

CHRISTOPH: ... aber auch vom Kopf. Man muss sich alles zurechtlegen. Also vorher überlegen, wann und wie Du den vor Dir überholen willst. Natürlich steht aber der Spaß an erster Stelle. Sonst würden wir das ja nicht machen.

VANESSA: Genau. Wir fahren zwar Rennen gegeneinander, aber man fährt auch gegen sich selbst, weil man so viele Herausforderungen in einem Rennen hat. Man hat den Start, andere Fahrer, Sprünge, Rillen, Kanten und die ganze Renndistanz. Dabei seine persönliche Bestleistung zu bringen ist eine Challenge, und man freut sich, wenn alles klappt. Mir persönlich macht auch das Springen enorm Spaß. Das sind teilweise schwierigere Sprünge, wo in der Mitte nichts ist und irgendwann landet man. Das muss man perfekt machen. Und diese Präzision bewundere ich. In der ersten Runde rollt man noch darüber, um sich alles anzuschauen, und dann springt man perfekt und weiß manchmal gar nicht, woher das kommt. Es passiert einfach. Wenn man das schafft, ist es einfach so ein unbeschreibliches Gefühl.

Wie seid Ihr zum Motocross gekommen?

CHRISTOPH: Bei mir war es eigentlich durch Dich, Vanessa.

VANESSA: Ja, Papa hat uns früher immer auf seiner Straßenmaschine zu Spielplätzen gefahren. Dann waren wir oft zum Zuschauen in Schaafheim bei Motocross-Rennen. Irgendwann wollte ich dann selbst fahren. Dann hat Papa geschaut, welche Motorräder es für Kinder gibt. Als wir das erste Motorrad bekommen haben, war ich sechs Jahre alt und Chrissi drei. Das mussten wir uns erst mal noch teilen. Es hat uns richtig Spaß gemacht, und nach ein paar Jahren haben wir Papa gebeten, uns beiden eins zu kaufen, damit wir nicht immer so lange warten müssen, bis wir fahren dürfen. Und er sagt bis heute noch: Er dachte, dass das nach einem halben Jahr schon wieder out ist, er das Motorrad verkaufen kann und wir eine andere Sportart machen. Aber wir haben viel ausprobiert, und das einzige was geblieben ist, war das Motorradfahren.

Wie viel Freizeit bleibt Euch denn neben Uni, Training und Motocross noch?

VANESSA: Das ist schon anstrengend. Aber wir sehen Motorradfahren als Freizeit und nicht als Beruf. Es macht uns ja Spaß. Jedes Mal, wenn man fährt, hat man ein Grinsen im Gesicht. Aber wenn man schaut, wie viel Freizeit neben Uni und Motorradfahren übrig bleibt, ist es eigentlich nichts.

CHRISTOPH: Es ist so gesehen schon wenig, das stimmt.

VANESSA: Aber man hat ja die Freunde vom Motorradfahren, man trifft sich mit ihnen und sieht sich natürlich auch beim Fahren.

Und wie sieht es mit anderen Freunden aus?

VANESSA: Meine beste Freundin kommt auch oft mit. Sie findet es toll, dabei zu sein und fährt seit sechs Jahren mit auf die Rennen oder zum Training, wenn sie frei hat. Es ist ja auch nicht so, dass man unter der Woche nie Zeit hat. Da gibt es schon ein paar Freunde, mit denen man sich auch mal abends trifft.

CHRISTOPH: Die haben dann aber auch das Verständnis dafür.

VANESSA: Wir können uns da auch nicht beklagen. Klar, wenn jemand seinen Geburtstag feiert und wir sind wieder unterwegs, ist es schade wenn man nicht hingehen kann. Aber die Freunde, die wir haben, verstehen das. Sie wissen, dass wir ein halbes Jahr dafür arbeiten und nicht einfach unsere Rennen absagen können.

Viel Zeit bleibt also nicht.

CHRISTOPH: Man muss ja zusätzlich für die Vorbereitung und fürs Saubermachen der Motorräder noch einen Tag einplanen. Aber das macht man ja gerne, und beim Schrauben lernt man ja auch noch was. Es wird einem nicht langweilig.

VANESSA: Aber ich muss trotzdem sagen, dass mir das Fahren viel mehr Spaß macht als das Saubermachen. Das würde ich gerne abgeben, falls sich jemand findet, der es machen will. (lacht)

Das Gespräch führte

Lars Herd

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare