Gemeinschaftspraxis in Groß-Zimmern

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Groß-Zimmern - Seit 31 Jahren behandeln Dr. Udo Engelhard und Dr. Georg Rudolph in ihrer Gemeinschaftspraxis in der Georg-Dascher-Straße Patienten, Rudolph praktiziert sogar schon seit 33 Jahren in Zimmern. Von Gudrun Fritsch 

Die Allgemeinmediziner sind inzwischen beide 63 Jahre alt und werden im Dezember in den Ruhestand gehen. Trotz intensiver Suche konnten bisher keine Nachfolger gefunden werden. Den fünf Angestellten musste jetzt zum Jahresende gekündigt werden. „Eine dieser Mitarbeiterinnen habe ich mit der Praxis damals von meinem Vorgänger übernommen. Sie hat hier vor 44 Jahren ihre Ausbildung gemacht, für die Rente ist sie aber noch zu jung“, berichtet Rudolph traurig.

Sieben Allgemeinmediziner praktizieren derzeit im Ort. Seit gut einem Jahr sucht Thomas Menke, der sich zuvor mit Dr. Christian Schneider-Rothaar in der Wilhelm-Leuschner-Straße eine Praxis teilte, einen Nachfolger für den ausgeschiedenen Partner. „Es haben sich Bewerber gemeldet, aber überwiegend Frauen, die nur in Teilzeit arbeiten wollen oder als Angestellte“, berichtet der 53-Jährige. Betroffen von der Situation sind auch Dr. Hannelore Weber, Dr. Michael Wiedekind, Dr. Oliver von Falkenhausen und Beate Schlitt vom Hausarztzentrum in der Kreuzstraße. Finden sich keine Nachfolger, wird die Arbeitsbelastung für die verbliebenen Ärzte nämlich noch weiter zunehmen.

1 560 Patienten auf einen Allgemeinmediziner

In Hessen kommen im Schnitt auf einen Allgemeinmediziner 1 560 Patienten, kreisweit sind es 1 771. „Groß-Zimmern gehört zum Planungsbereich Dieburg/Groß-Umstadt. Der Versorgungsgrad beträgt hier gemäß Beschluss vom Februar dieses Jahres 95,11 Prozent“, teilt Petra Bendrich, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, auf Nachfrage des LA mit. Von einer Unterversorgung gehe man erst bei weniger als 75 Prozent aus. Zum Stichtag, 1. Mai, seien im Ort noch acht niedergelassene Hausärzte mit jeweils vollem Versorgungsauftrag geführt. Bei einer Einwohnerzahl von 13 823 bedeute dies, dass aktuell 1 729 Patienten auf einen Arzt kommen. Sollte die Praxis Rudolph und Engelhard tatsächlich schließen, stelle sich die Situation etwas kritischer dar. „Hier wurde ein Praxisabgabeverfahren eingeleitet, das die KV Hessen begleitet“, so Bendrich. Sie verweist auf Infoseiten der KV, die zeigen, was man alles biete, damit sich Ärzte auch in Hessen niederlassen.

Den Medizinern vor Ort reicht das jedoch nicht. „Für uns ist mehr Arbeit definitiv nicht möglich. Wir haben viele ältere Patienten, psychische Erkrankungen nehmen zu. Das bedeutet zeitaufwendige Versorgung und Dokumentation“, betont Schlitt. Die Patientenzahl im Hausarztzentrum sei zwar gestiegen, der Lohn jedoch weniger geworden. Ein Grund hierfür sei auch, dass die KV 2013 gegen den Willen der Hausärzte eine veränderte Gebührenordnung verabschiedet hat. „Nicht jeder junge Arzt ist bereit, eine 60-Stunden-Woche auf Kosten seiner Familie zu akzeptieren“, meint Weber. „Noch macht die Arbeit Freude, aber die Lust geht bei zu viel Hetze verloren.“ Und längst nicht jeder sei bereit, die gedeckelten Honorare zu akzeptieren. „Zumal die Hausärzte im benachbarten Bayern deutlich besser verdienen“, sagt Wiedekind. Als Hauptschuldigen nennt er die facharztdominierte KV und die Politik. Für einseitige Lösungen wie in Ober-Ramstadt, wo der Landkreis ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) eingerichtet hat, fehlt ihm das Verständnis. „Sollten die Kollegen tatsächlich keine Nachfolger finden, gibt’s hier das Chaos“, so Wiedekind.

Mehrbedarf durch das Seniorenheim

Neben deren Patienten sei in naher Zukunft nämlich auch noch mit einem Mehrbedarf durch das Seniorenheim „Haus Elisabeth“ zu rechnen, das ab August 112 Pflegeplätze anbietet. „Die Einrichtung im Otzbergring bedeutet für uns schon jetzt einen enormen Mehraufwand“, sagt Weber. Nach kurzer Diskussion über die klare Ansage, dass im Hausarztzentrum keine neuen Patienten mehr angenommen werden und darüber, was eigentlich als Notfall gilt, den jeder Arzt behandeln muss, sagt Wiedekind entschlossen: „Wir werden uns bei Fachjuristen informieren, was wir tun können. Und ein Schild kommt an die Tür, auf dem steht: Wenden Sie sich an Ihre Landes- und Bundestagsabgeordneten. Die haben es versaubeutelt!“

Die Entscheidung aufzuhören haben sich die beiden Ärzte nicht leicht gemacht. Doch der eigene Gesundheitszustand schlägt schon seit längerem Alarm. Vor fast vier Jahren haben sie mit der Suche nach Nachfolgern begonnen, ihr Interesse bei Börsen und der Kreisklinik gemeldet. Noch hoffen alle auf einen potenziellen Nachfolger. Ein Neffe von Rudolph könnte die Praxis übernehmen, doch hierfür müsste mindestens noch ein Partner gefunden und zusätzliche Anreize sollten geschaffen werden. „Junge Mediziner sind dann bereit, sich im ländlichen Raum niederzulassen, wenn die Infrastruktur stimmt. Eigentlich liegt Groß-Zimmern da gar nicht so schlecht“, meint Weber.

Doch selbst wenn die Gemeinschaftspraxis weitergeführt werden kann, ist das Problem nicht aus Groß-Zimmerns Welt. Denn drei der fünf Hausärzte gehen auf die 60 zu, die anderen zwei sind 53 Jahre alt.

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