Mühle vermutlich schon zur Römerzeit

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Am Mühlentag drehten sich die Spinnräder: Traditionelle Handarbeitskunst wurde am Pfingstmontag in der Obermühle gezeigt.

Groß-Zimmern - Getreide wird hier schon längst nicht mehr gemahlen. Von den drei unermüdlich kreisenden Mühlrädern fehlt heute jede Spur. Von Ursula Friedrich 

Dort, wo der Hirschbach in die Gesprenz fließt, dient die Obermühle einem ganz anderen Zweck: Als Ausflugsziel für Familien, Pedaleure, Nostalgiker und alle, die unter der großen Kastanie im Innenhof des Anwesens, für ein hessisches Gericht und einen kühlen Äbbelwoi Platz nehmen. Am Pfingstmontag, dem bundesweiten Mühlentag, stand die Historie der ältesten Groß-Zimmerner Immobilie im Fokus. 1385 wechselte die Obermühle ihren Besitzer – dieses erhaltene Dokument ist der Nachweis für mindestens 629 Jahre Mühlengeschichte.

„Vermutlich stand hier schon zu Zeiten der Römer eine Mühle, die wahrscheinlich von Dieburg aus bewirtschaftet wurde“, berichtete Inhaber Roland Buchert. Seit 1939 stehen die Räder der Getreidemühle still und Ende der 70er Jahre kaufte die Familie Buchert das Anwesen. Wer am gestrigen Mühlentag einen Plausch mit dem Seniorenchef hielt, erfuhr viele Details über das einzigartige Baudenkmal Groß-Zimmerns. Viele Brände hat die Mühle überstanden, in deren Glanzzeiten einst drei Mühlräder tätig waren. Die Obermühle diente primär als Getreidemühle, lieferte jedoch auch die nötige Kraft, um Holz zu sägen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Mühlräder jedoch verschwunden, eine Turbine lieferte (unter heutigen Gesichtspunkten) eine kleine Menge Strom. Heute wäre ein solcher Betrieb der Mühle – nach minimum 150.000 Euro Investitionen – völlig unrentabel. Im Sommer öffnet sich an Wochenenden und Feiertagen der romantische Innenhof, der mit Kopfsteinpflaster, historischem Fachwerk und mächtigem Kastanienbaum eine ideale Kulisse bietet, um einzukehren.

Fasziniert beobachteten nicht nur Frauen die künstlerischen Klöppelarbeiten.

Diesem Charme erliegen nicht nur Ausflügler, auch die Nachbarin der Familie Buchert entdeckte die Obermühle für ihre Zwecke. Wo die Mühlräder fehlen, drehten sich an Pfingsten emsig die Spinnräder. Handarbeiten, wie in grauer Urzeit, standen auf dem Programm. Wolle spinnen, klöppeln, färben und weben, diese Fertigkeiten demonstrierte Silke Zilles mit ihren Freundinnen, die in einem Spinnkreis das alte Handwerk pflegen. Besucher durften der Frauenclique nicht nur über die Schulter und auf die Finger schauen, sondern konnten auch allerhand ausprobieren. „Auf alte Beiz- und Färbemethoden haben wir allerdings verzichtet“, sagte Ute Rausch schmunzelnd und ritzegrüne Wolle aufspulend – bei giftigen Alaundämpfen und gegorenem Urin hätten Besucher nämlich vermutlich das Weite gesucht.

Die suchten bei heißen Temperaturen den Schatten der Kastanie auf, wo Mühleninhaber Jochen Buchert typisch hessische Gerichte servierte. Käsespezialitäten, hausmacher Kuchen, Bratwürste vom regionalen Metzger sind Markenzeichen der Küche. In der wärmeren Jahreszeit lädt Buchert mit seiner Familie zur Mühlengastronomie unter freiem Himmel ein. Ein zum Appartementhaus ausgebauter Bereich wird vermietet und stellt die Haupterwerbsquelle der Mühlenbesitzer dar, die in diesem denkmalgeschützten Schätzchen auch selbst ihre Wohnung haben.

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