150-Jähriges der Chorgemeinschaft

Musikereignis der Superlative

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Hervorragende Bilder: Vor statischen Bücherarchiven gab es passenden Chorgesang mit Musik und Tanz von „My Fair Lady“.

Groß-Zimmern - Rund 60 Sänger zündeten am Wochenende ein Musikereignis der Superlative. Das jüngste Musicalprojekt der Chorgemeinschaft lockte an zwei Tagen gut 1500 Menschen in die Mehrzweckhalle. Von Ursula Friedrich

„Mein lieber Herr Gesangverein“, das Musical zum 150. Geburtstag der Chorgemeinschaft, war ein fulminanter Streifzug durch das Genre Chorgesang, der nur einen Schluss zuließ: Nach 150 Jahren sind selbst die Oldies in den Sängerreihen im Herzen jung geblieben.

Viele Brücken schlägt die Chorgemeinschaft. Chorus Line trug ein kunterbuntes Abba-Medley vor.

Zum Jubiläum der Chorgemeinschaft gab es keine trockene Laudatio: Mit ihrem neuen Musical feierten sich die Sänger selbst. Und statt der üblichen Geburtstagsreden wurde die bunte Vereinsgeschichte in eine eigene Musicalproduktion gepackt. Mit der Aufführung übertraf der Verein, der alle zwei Jahre eine Großproduktion auf die Bühne bringt, seine bislang gezeigten Produktionen. Elf Monate Vorbereitung, rund 1 000 Kostüme, 60 Akteure auf der 14 Meter breiten Bühne,und nicht näher bezifferbare Mengen Adrenalin sind nur einige Fakten zum Stück. Das Besondere: Erstmals waren Frauen- und Männerchor mit der 16 Jahre jungen Formation Chorus Line auf der Bühne. Ein Generationenmix von 14 bis 85 Jahren, den die gemeinsame Liebe zum Gesang eint.

Als Kapitän des Unternehmens brillierte Detlef H. Bergmann, ein Vollprofi, der Chorus Line 1997 gemeinsam mit Achim Grimm aus der Taufe hob und so für eine Revolte in der Chorlandschaft sorgte.

Das Piano wurde aus dem Probenraum gerollt, ein Keyboard eingesetzt, neue Konzepte gestrickt, am Computer Arrangements verfasst. „Die Lerche am Grabe der Mutter wollte doch keiner mehr singen!“, erinnerte Bergmann an die Zeit, als das Kulturgut Chorgesang in seiner traditionellen Form jüngere Generationen nicht mehr hinter dem Ofen hervorlockte.

Im schnodderigen Plauderton kommentieren Detlef Bergmann (stehend von links) und Achim Grimm den Rückblick auf die Musikgeschichte.

Allen Unkenrufen zum Trotz wurde der neue Chor nicht nur ein Erfolgsmodell, sondern hat überall in der Region Nachahmer gefunden. Dass ältere Semester keinerlei Berührungsängste haben, bewiesen die „Montägler“, die älteren Mitglieder der Chorgemeinschaft, die sich erstmals an ein Musical wagten. In atemberaubendem Tempo wurde das Publikum in ein Wechselbad von Rock und Pop, über Klassik und Volksliedgut bis hin zu den Suahelis nach Afrika gestürzt. Professionelle Licht- und Tontechnik, die eigens angefertigte Kulisse und eine Vielzahl unterschiedlicher Kostüme rundeten das Erlebnis akustisch und visuell ab. „Das schnelle Wechseln der Kostüme war eine der größten Herausforderungen“, plauderte Detlef Bergmann. Die Größere war jedoch, zum Gesang Bewegungen und Tänze einzustudieren. „Alles Bewegungslegastheniker“, stöhnte Bergmann grinsend, der als Schlagzeuger, Sänger und Vollblutmusiker eine internationale Karriere hinlegte und auf 50 Jahre Erfahrung zurückblickt.

In 1 000 Tanzstunden wurden die Akteure geschult, die den Cancan meisterten, bei „Eye of the Tiger“ in den imaginären Boxring stiegen, und als Flower-Power-Kinder im Canabis geschwängerten Szenenbild auf der Bühne brillierten. Maßgeschneidert war das Les-Humphries-Medley, auf das Phänomen Chorus-Line. Bei so vielen Ambitionen „müssten wir in Zimmern ja ein eigenes Theater haben“, folgerte Achim Grimm, der einige Passagen mit moderierte. Zumindest für ein Wochenende ist es geglückt, die Mehrzweckhalle wurde zum Musicaltheater. Auch, wenn nach dem fulminanten Kraftakt sicher der ein oder andere Akteur auf dem Sofa stöhnte: „Mein lieber Herr Gesangverein.“

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