Ausschuss diskutiert über mögliche Straßenbahn nach Zimmern

„Nich alle wollen auch nach Darmstadt“

Groß-Zimmern - Im März war bekannt geworden, dass die Darmstadt-Dieburger Nahverkehrsorganisation (Dadina) mit der Stadt Darmstadt sowie den Gemeinden Roßdorf und Groß-Zimmern ein Gutachten in Auftrag gegeben hat, das unterschiedliche Varianten einer möglichen Straßenbahnlinie auf der alten Bahntrasse berechnet (wir haben berichtet). Von Gudrun Fritsch

Seit 1983 wird die Trasse freigehalten, immer wieder gab es Überlegungen, sie wieder für den Verkehr nutzbar zu machen. Grund für die aktuelle Untersuchung ist vor allem die enge Verkehrssituation in Darmstadt. „Die direkte Busverbindung wird sehr viel genutzt. Aber die Grenze der Belastbarkeit in Darmstadt ist überschritten. Bei steigender Nachfrage ist es also dringend notwendig, zusätzliche Anbindungen zu schaffen“, berichtete Annette Birgelein vom Zentrum für integrierte Verkehrssysteme (ZiV) am Montag den Mitgliedern des Planungs- und Umweltausschusses im Rathaus. .

Sie stellte die Pläne und mögliche Vorgehensweisen vor, unterstützt wurde sie vom Dadina-Geschäftsführer Matthias Altenhein sowie Christoph Beck vom Darmstädter Planungsamt.

Bei dem Großprojekt geht es um erhebliche finanzielle Mittel: In einer früheren Berechnung war von über 82 Millionen Euro die Rede. Da das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz 2019 ausläuft, das den Kommunen Mittel für die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse mit einer Förderquote bis zu 80 Prozent bietet, besteht Handlungsbedarf. Die Planer raten zu einer zweigleisigen Straßenbahnverbindung auf der alten Trasse von Darmstadt in den Ostkreis. Dieser Verlauf sei kostengünstiger als andere Varianten, der Eingriff in die Natur geringer, die Zustimmung der Naturschutzbehörde folglich einfacher. Das größte Problem liegt jedoch im Bereich des Darmstädter Ostbahnhofs. Von hier ginge es bis zur alten Eisenbahnbrücke östlich von Roßdorf, dann um den Ort herum. Im Osten an der B 38 könnte der Endpunkt sein.

Für die Weiterführung zwischen Gundernhausen und dem Stetteritz hindurch bis nach Groß-Zimmern wären 14,5 Kilometer überwiegend über freies Feld zurückzulegen. Drei Haltestellen sieht der erste Planentfwurf in Zimmern vor.

Für die Gemeinde ist diese Strecke von besonderem Interesse. Ob sie überhaupt zur Debatte stehen wird, werde allerdings erst die Bewertung nach Kriterien der Kosten-Nutzen-Rechnung zeigen, für weitere Arbeitsschritte warte man auf aktuelle Zahlen des RMV.

„Warum zweigleisig?“, wollte Joachim Köbel (CDU) wissen, schließlich sei auch die Odenwaldbahn teils eingleisig. Das erfordere die Frequenz, schließlich sollte in den Stoßzeiten morgens und abends alle 7,5 Minuten eine Straßenbahn fahren, nach Zimmern im 15- bis 30-Minuten-Takt, erhielt er zur Antwort. Begeistert zeigten sich die Kommunalpolitiker nicht. Solange das Nadelöhr an der Darmstädter Landgraf-Georg-Straße bestehe, sei keine Abhilfe geschaffen, meinte auch Reinhold Liebenstein (SPD) und rechnete auf, dass die Straßenbahn mindestens eine Dreiviertelstunde bis zum Luisenplatz benötigen werde. „Mit dem Bus sind wir in 30 Minuten da. Das wäre keine Verbesserung.“ Das stimme zwar, meinte Birgelein, betonte jedoch: „Der Verkehr muss verlagert und abgebaut werden. Deshalb wird die Studie ja durchgeführt.“ Im Klartext hieße das auch, dass die derzeit günstigen Busverbindungen so nicht weiter bestehen könnten. „Die Straßenbahn kann mehr Menschen komfortabler und leistungsfähiger transportieren“, warb die Planerin. Sie erinnerte auch an den demographischen Wandel. „Wir werden hier bald wesentlich mehr recht mobile ältere Menschen haben.“ CDU-Fraktionsvorsitzender Friedrich Faust kritisierte, dass mit drei Haltestellen in Zimmern ein Radius von maximal zwei Dritteln abgedeckt sei. Dies würde mit innerörtlichen Busverbindungen zur Bahn gelöst, so die Antwort. Ob eine Wendeschleife an der Grünen Mitte gebaut werden müsste, wollte Dieter Hader, Fraktionsvorsitzender der SPD, wissen. Die Neuanschaffung von Zwei-Richtungs-Fahrzeugen werde aktuell geprüft, so Birgelein.

„Nicht alle wollen nach Darmstadt“, kritisierte Gemeindevertretervorsteherin Katharina Geibel und löste eine Welle der Metropolenkritik aus. „Sie denken einseitig Richtung Darmstadt“, meinte Liebenstein. „Darmstadt ist nicht der Mittelpunkt der Welt“, beschrieb Gerd Merget (SPD) die Arroganz und spekulierte, wie es wohl wäre, wenn es eine Umgehungsstraße gäbe – doch die wird nicht gebaut. Damit fühlte sich der Darmstädter Beck angesprochen: „Die Umgehung und die Straßenbahn sind so nicht vergleichbar“, erläuterte er. Rund 80 000 Einpendler kämen täglich nach Darmstadt. Schließlich biete die Stadt mit guten Schulen, Unis, Gesundheitsversorgung oder Kulturangeboten vieles, was eine enge Verbindung mit der Region erfordere. Der Bevölkerungszuwachs zeige sich auch in den umliegenden Orten, eine nachhaltige Verbindung sei für alle eine Aufwertung.

Von wesentlichem Interesse waren für die Kommunalpolitiker die Faktoren Zeit und Geld. In die weitere Planung sind die Gemeinden über die Lenkungsgruppe eingebunden, die alle vier Wochen tagt. Erst wenn eine Machbarkeitsstudie vorliegt, könnten konkrete Schritte benannt werden. Auch hinsichtlich der Finanzen könne noch nichts gesagt werden, nur „man wird die Kommunen nicht auf den Kosten sitzen lassen.“ Auch die drängende Frage von Kurt Werdecker (FDP): „Wenn alles gut geht, wann fährt dann die erste Bahn“, wollte Altenhein nur wage beantworten: „Nicht in 20, sondern eher in fünf bis zehn Jahren.“

‹ Heute um 19 Uhr ist eine Bürgersprechstunde mit Vertretern aller Fraktionen und Bürgermeister Achim Grimm im Rathaus (3. OG). Ab 20 Uhr tagen Finanz- und Sozialausschuss. Zentrales Thema der gemeinsamen öffentlichen Sitzung ist die Kinderbetreuung.

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